Helga Bildens Homepage

Willkommen-Button Artikel-Button-aktiv Publikationen-Button Vita-Button

Das vielstimmige, heterogene Selbst – ein prekäres Unterfangen
Subjektivität nach der Kritik am klassischen Subjektbegriff

Stand: April 2009

Inhalt:

Vorbemerkungen

1. Subjektivität, Identität, Selbst – Sozialer Wandel und Wandel von Subjektivitäten

Exkurs: Multiple Persönlichkeiten – (Zerr)Spiegel postmoderner Subjektivität?

2. Das Selbst: ein raum-zeitlicher Prozess, ein kulturelles Konstrukt: narrativ, relational, dialogisch

3. Bilder, Theorien, Praktiken für innere Pluralität, Vielstimmigkeit und Heterogenität

4. Digitale Medien – Motoren der Veränderung von Subjektivität

5. Jenseits des klassischen Subjektbegriffs

6. Lebbarkeit und Probleme der Konzeption des vielstimmigen, heterogenen Subjekts

7. Autonomie – „durchkreuzt von Kontingenz und Heteronomie“: stark relativiert

8. Plurale Formen von Subjektivität bzw. Selbst

Vorbemerkung

Seit Ende der 1980er Jahre habe ich in mehreren Artikeln versucht, ein zeitgemäßes sozialpsychologisches Verständnis von Subjektivität, d.h. von historischen Subjektformen, allgemeinverständlich zu fassen (Bilden/Geiger 1988, Bilden 1989, 1977, 1998, 2007).

Meine Versuche waren motiviert und getragen von der Überzeugung, dass neue Vorstellungen von Subjektivität für psychologische PraktikerInnen wie auch für die Selbstreflexion der Einzelnen notwendig sind. Letztlich war mein Antrieb dahinter das Unbehagen an modernen und populären Identitäts-Konzepten, besonders Geschlechtsidentitäts-Konzepten, an der repressiven Subjekt-Norm der Einheitlichkeit, Kohärenz und Integration sowie der verabsolutierten Autonomie. Mein Unbehagen war sowohl aus persönlichen Erfahrungen gespeist als auch aus jahrzehntelangen feministischen und poststrukturalistischen Diskursen. Schon in den 1980er Jahren stellten etwa Feministinnen dem illusionären und isolationistischen Ideal der Autonomie des Individuums das Konzept des „Selbst-in-Beziehung“ (self-in-relation) entgegen. Es verwies auf die Anerkennung der prinzipiellen Abhängigkeit der Menschen voneinander.

Ich muss zugeben, dass ich die hoch abstrakten (und mir oft arg eitel erscheinenden) poststrukturalistischen philosophischen Subjektdiskurse nur bruchstückhaft rezipierte1, eher die sozialwissenschaftlichen Diskurse über Identität. Doch „postmoderne“ Vorstellungen wie die von Welsch (1988, 1993) faszinierten mich2.

Die Auseinandersetzung mit psychotherapeutischen Ansätzen, die mit psychischer Multiplizität und Heterogenität arbeiten, und die produktive Irritation durch das in den 1990er Jahren bekannt gewordene Phänomen der Multiplen Persönlichkeit regten mich weiter an.

Lange zweifelte ich, ob und in welcher Relation die Begriffe „Subjekt“, „Identität“, „Selbst“, Individuum zu benutzen seien. Sozialisiert in der anderen sozialwissenschaftlichen Sprache meiner Generation, verstand ich nicht so recht, warum eigentlich in jüngeren feministisch-soziologischen Texten soviel von „Subjektpositionen“ die Rede war. Ich nutzte Sylvia Pritschs (2008) Überblick über poststrukturalistische Subjektdiskurse, um mir etwas mehr Klarheit zu verschaffen; dass ich dabei andere Diskursstränge und Schlussfolgerungen (z.B. Reckwitz 2008) weitgehend außer Acht lasse, nehme ich in Kauf.

Als erstes versuche ich das derzeitige Bemühen um veränderte Vorstellungen von Subjekt, Identität, Selbst in einem skizzierten sozialwissenschaftlichen Kontext zu verstehen.

1. Subjektivität, Identität, Selbst – historisch-sozialer Wandel und Wandel von Subjektivitätsformen

Die Moderne war mit der Idee des autonomen Subjekts verbunden, des vernünftigen, mit sich identischen Subjekts, das bewusster Souverän seines Lebens ist. Soziologisch-psychologisch entsprach ihm der der „innengeleitete Charakter“ (Riesman), das „starke Ich“, asketisch, rigide und durchsetzungsfähig. Als allgemeines Modell war es eine Fiktion, die schon Ende des 19. Jahrhunderts durch Freud mit der Entdeckung des Unbewussten und der Schwäche des Ichs als Illusion entlarvt wurde: Freud konzipierte schon vor 100 Jahren die Psyche (den „psychischen Apparat“) als aus mehreren Teilen bestehend: Das Ich hat den Zugang zur Motilität, also zu Bewegung, zum Handeln. Es agiert aus einer eher schwachen Position („Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus“) zwischen Über-Ich, dem Repräsentanten der Kultur, und Es, dem unbewussten Reservoir der Triebe, hin und her gerissen zwischen deren widersprüchlichen Forderungen. Die konflikthafte Beziehung von Ich, Es und Über-Ich macht die weitgehend unbewusste Psychodynamik des Individuums aus, die im Konzept des Bewusstseins-Subjekts ignoriert wird.

Der abendländisch-moderne Begriff des Subjekts wurde im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts von Feministinnen und PoststrukturalistInnen3 (Foucault, Derrida, auch feministischen: Judith Butler, Gayatri C. Spivak u.a.) radikaler Kritik unterworfen. Die „starke“ moderne Vorstellung des autonomen, in sich kohärenten (selbstidentischen) und rationalen Individuums, des Bewusstseins- und Vernunftsubjekts, das Garant von Erkenntnis und autonomer Autor seines Handelns, seiner Rede und Produktionen ist, wurde dekonstruiert: Sein universeller Anspruch und seine normative Kraft wurden in Frage gestellt.

Die KritikerInnen zeigten auf, dass dieser emphatische Subjektbegriff ein historisches Produkt ist, dass überhaupt Formen von Subjektivität historisch, durch Diskurs und soziale Praktiken, in Machtfeldern konstitutiert werden.

Es war dramatisierend vom „Tod des Individuums“, vom „Tod des Subjekts“ die Rede (Nagl-Docekal/Vetter 1987). Letztlich ging es das wohl um das Ende des Subjekt-Entwurfs, der mit der europäischen Moderne, der industriellen Gesellschaft verbunden war. Auch Formulierungen wie: das „Subjekt als Schnittpunkt von Diskursen“ oder als „Effekt von Sprache“ signalisieren, dass die „starke“ Vorstellung vom Subjekt unterminiert wurde, dass sie nicht mehr haltbar ist, dass vielfältigere und bescheidenere Vorstellungen vom Menschen bzw. vom Subjekt anstehen.

Die philosophische Kritik am humanistischen Modell des autonomen, rationalen kohärent-identischen Subjekt-Autors entstand historisch parallel zu vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere auch zu den Frauenbewegungen und den Prozessen der Entkolonisierung: Das euro- und androzentrische Subjektmodell der Moderne, wurde von den Subjekt-Ansprüchen der Frauen und der Menschen der „Dritten Welt“ in einer zunehmend polyzentrischen Welt (Globalisierungsprozesse) unterminiert und in Frage gestellt. Feministinnen ent-deckten das moderne Subjektkonzept als „androzentrische“4 Konstruktion aus der männlichen Dominanzposition heraus. Postkoloniale AutorInnen5 kritisierten es als eurozentrisch. „Eurozentrisch“ meint: zentriert um, aus der Perspektive von Europäern (und Amerikanern), d.h. von Weißen, als Ausdruck der „westlichen“/weißen Herrschaftsansprüche, auch in der Deutung der Welt. Der weiße männliche Selbstentwurf als autonom handelndes Subjekt leugnete die allgegenwärtigen Abhängigkeiten des Einzelnen von anderen Menschen, von Untergeordneten, ob das nun Frauen waren oder Bedienstete oder ausgebeutete Menschen in Kolonien bzw. der „Dritten Welt“. Die Subjekt-Konzeption war integraler Bestandteil der Dominanzverhältnisse, die heute nicht mehr als selbstverständlich hingenommen werden.

Globalisierung, Klimawandel, Finanzkrise machen inzwischen die globale Interdependenz augenfällig: die Abhängigkeit von anderen Menschen und von Anderem (Nicht-Menschlichem wie Technik und Natur, das mit Menschlichem verwoben ist).

Ergebnis der vielfältigen Kritiken am Subjektbegriff6 ist – wenn er nicht ganz verworfen oder vermieden wird – ein „schwacher“, relativierter Subjektbegriff (oder wahlweise Identität, Selbst) bzw. seine Vervielfältigung.
Dekonstruiert wurden insbesondere die Konzepte Autonomie und Selbstidentität.


Mit poststrukturalistischen Theorieansätzen wird das Verhältnis Subjekt-Text bzw. Subjekt-Sprache umgekehrt: Textualität (das Symbolische bei Lacan, Metaphorizität bei Derrida, Diskursivität bei Foucault) wird konstitutiv für das Subjekt. Gegen den Autonomie-Anspruch wird also die Abhängigkeit des Subjekts vom Anderen herausgestellt: vom konkreten anderen Menschen, vom allgemeinen Anderen, insbesondere von Sprache7: Sprache ermöglicht Subjekte und unterwirft sie (Subjektivation in seiner doppelten Bedeutung).

Äußeres“ ist konstitutiv für das Subjekt. Die Konstitution des Menschlichen über das Nichtmenschliche kann nicht mehr übersehen werden: durch Schrift, Technik nach Derrida, Diskurse und Praktiken nach Foucault, aber auch durch Außerbegriffliches.

Über die kulturelle Ordnungsfunktion von Dichotomien wird das Andere des Subjektsnotwendige Voraussetzung des Subjekts.kulturkritische Relativierung des Subjekts: Das Subjekt wird heteronom bestimmt, und die Grenze Innen-Außen, von Eigenem und Anderem wird prinzipiell in Frage gestellt.

(andere Menschen, auch ausgeschlossene/abgelehnte/verachtete/an/ungeeignete Andere, das Nicht-humane, Natur, Technik) Sozialwissenschaftlich ergänzt ist fest zu halten: Andere und Anderes (Sprache, Kultur, Gesellschaft, andere Menschen, Signifikante Andere, aber auch abgelehnte Andere, Technik/en) müssen als Teil des Subjekts anerkannt werden bzw. werden konstitutiv für das Subjekt. Das sprengt die gedachte Einheit des Subjekts und die klare Unterscheidung von Innen und Außen, Subjekt und Objekt. Das bedeutet eine

Dabei wird Selbstidentität, d.h. (ein stabiles Verhältnis des Ich zur Welt), sprachlich-diskursiv ersetzt durch Selbstdifferenz. Der Identitätslogik instrumenteller Vernunft wird „die Anerkennung von Differenzen, Pluralität und Heterogenität im Allgemeinen sowie die des Erscheinens des Anderen in der je spezifischen Situation“ entgegengesetzt (Pritsch 2008, S. 160, Hervorh. H.B.). Differenz, Pluralität, Heterogenität, Partikularität, Selbstdifferenz werden aufgewertet.

Die Verortung des Subjekts wird besonders von feministischen und postkolonialen Diskursen auf der „Suche nach neuen Äußerungspositionen“ (Pritsch S. 165) thematisiert.

Pritsch8 folgert, dass sich der veränderte Subjektbegriff tendenziell „in einem Zwischenraum zwischen konflikthaftem, inkohärentem Selbst und inkommensurablem Anderen“ bewegt. Subjektivität wird – darüber besteht jetzt Einigkeit – praktisch-diskursiv konstituiert, v.a. durch Praktiken sozialer Interaktion, also der Sprache, des Blicks, wie es schon der Symbolische Interaktionismus G. H. Meads im frühen 20. Jahrhundert sozialwissenschaftlich-theoretisch konzipiert hatte. Jetzt werden, insbesondere durch Foucault und die feministische und postkoloniale Kritik, Machtbeziehungen in die Konstitution von Subjektivität eingebracht: Das Subjekt (als Unterworfenes) ist Ort kultureller Einschreibungen. Das wird besonders oft an den Körpern als „maps of meaning and power9 festgemacht.

So wird der Begriff Subjekt zwar (meistens) nicht verworfen, aber „die Idee des ganzen Subjekts (wird) zugunsten eines immer wieder aufs neue zu verhandelnden und zu konstituierenden Ensembles abgelöst …“ (Pritsch S.127, Hervorh. HB.).

Subjekte können nur als Positionen in Bezug auf andere, in einem Feld von Machtbeziehungen, bestimmt werden, daher die Rede von (wechselnden) „Subjektpositionen“, die jemand einnimmt. Das Subjekt bzw. das Selbst wird zum sich permanent verändernden Selbstverhältnis, das auf die anderen angewiesen ist. Das Selbstverständnis des Subjekts entsteht aus der (wechselnden) Konfiguration seiner Subjektpositionen.

Das Subjekt verliert mit seiner Autonomie und Selbstidentität seinen Substanz-Charakter, Subjektivität wird zur Form10. Foucault forderte die Offenheit für die verschiedensten Formen von Subjektivität. Er polemisierte gegen die inhaltlichen Bestimmungen im Sinne des abendländischen Humanismus, die als Norm wirken.

Am Ende steht aber nicht menschenverachtender „Antihumanismus“. Derrida und Foucault lehnten mit ihrer Kritik nur eine fixierte Form dessen ab, was als Mensch und Menschlichkeit zu verstehen ist (Pritsch S.141). Postkoloniale KritikerInnen (z.B. Spivak, Mohanty) wandten sich mit Verve gegen die eurozentrische Normierung des Menschlichen, die in der Rede vom Humanen oder vom Subjekt zu stecken pflegt. Ergebnis der Subjektdiskussionen ist für mich:

Relativierung des normativ auftretenden abendländisch-modernen-Subjekt-Konzepts, die Öffnung für unterschiedliche, immer aber bescheidenere Vorstellungen von Subjektivität.

Werner Helsper (1989, 1991) konstatiert als Sozialwissenschaftler, dass sich die Idee des selbstbestimmten autonomen rationalen Subjekts als (Selbst-)Anspruch gerade in der Zeit dieser philosophischen Dekonstruktion des Subjektbegriffs verallgemeinerte: als Ergebnis fortschreitender Globalisierung, mit Individualisierung11 und Modernisierung, mit zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung, mit der Verallgemeinerung von Bildung, mit den Frauenbewegungen: Insofern lässt sich eine Tendenz zur Universalisierung der Idee des autonomen individualisierten Selbst mit vielen Entscheidungsmöglichkeiten (Optionen) feststellen, jedenfalls als Anspruch an die Einzelnen und als deren Anspruch an sich selbst.

Gleichzeitig jedoch beschleunigte sich die Schwächung bzw. Relativierung des Subjekts in der sozialen Realität (nicht nur seine Dekonstruktion in der Philosophie):

Obwohl es dazu verschiedene Einschätzungen gibt und vermutlich erst in einigen Jahrzehnten eine fundierte Einschätzung möglich ist, bin ich überzeugt, dass wir uns in einer gesellschaftlichen Umbruchsperiode befinden, deren Tragweite der des Umbruchs von der feudalen zur kapitalistisch-industriellen Gesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts ähnelt.

Der Übergang zur Informationsgesellschaft (Castells 2001), damit verbunden die Intensivierung von Globalisierungsprozessen (Teusch 2004) zu einer weltumspannenden kapitalistischen Ökonomie und die funktionale Differenzierung12 der Gesellschaften13individuelle Handlungsfähigkeit und Wahlfähigkeit einen zentralen Stellenwert. Denn angesichts tendenzieller Auflösung von Traditionen, potentieller Freisetzung der Individuen aus vorgegebenen Bindungen und Normen, aus Selbstverständlichkeiten der Lebensführung, also Verlust von Stabilität, muss der/die individualisierte Einzelne angesichts der verschiedensten Optionen der Lebensgestaltung laufend Entscheidungen treffen. Jede/r, nicht nur MigrantInnen – ist dabei mit einer Vielzahl von kulturellen Interpretationsmöglichkeiten konfrontiert.14

bringen tief greifende soziokulturelle Veränderungen mit sich, die das Selbst- und Weltverhältnis von Menschen verändern. Denken wir nur daran, wie Medien erlauben, an einer Vielzahl von sozialen Welten teil zu haben, wie sie uns mit Informationen und Konsumanreizen überfluten und jede/r neue Formen finden muss, damit umzugehen. Transnationale Migration führt zu doppelten Zugehörigkeiten vieler Menschen; sie müssen sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Orientierungen bewegen und ihre eigene Form dafür finden. Lebensmuster und Wertehierarchien verlieren ihre Selbstverständlichkeit, eine Vielzahl von Alternativen bieten sich dem/der Einzelnen an – sind aber nicht oder kaum realisierbar. Unter Bedingungen von Individualisierung, bei der das Individuum „zum Bezugspunkt für sich selbst und die Gesellschaft (wird)“ (Junge 2002, S.7), bekommt

Immer weitere Entgrenzungen und Freisetzungen durch Modernisierungsprozesse, neue Abhängigkeiten, die Vervielfältigung der sozialen Welten, in denen die Einzelnen sich bewegen, brachten Destabilisierung und Orientierungsprobleme mit sich (Keupp u.a. 1999). Was moderne Kunst und Künstler seit dem frühen 20 Jahrhundert voraus nahmen, was Philosophen der Postmoderne, des Poststrukturalismus den „Tod des Subjekts“ ausrufen ließ, wurde Ende des 20. Jahrhunderts zur Alltagserfahrung: Dezentrierung und Fragmentierung, also die Auflösung des einheitlichen Selbst.15

Die historische Universalisierung der Idee des modernen Subjekts ist mit seiner universellen Gefährdung und Schwächung verbunden (Weltweite Abhängigkeiten, existentielle Abhängigkeit des Einzelnen von Institutionen, Auflösung unterstützender sozialer Strukturen…). Diesen Widerspruch sieht Helsper (1991, S. 74) gerade als die Grundlage der postmodernen Subjektformationen: Der universalisierte Anspruch auf ein autonomes individuelles Selbst, das „Subjekt-Phantasma“, wird immer fiktiver, immer imaginärer.

Helsper vermutet, dass die Fiktion der Autonomie nur aufrechterhalten werden kann „im positiven Umgang mit Vielfalt, Pluralität und Inkonsistenz…“ (1991, S. 75). Jedenfalls empfiehlt es sich für die freigesetzten (individualisierten) Einzelnen, auf die differenzierte und widersprüchliche, sich schnell ändernde soziale Realität mit innerer Differenzierung und mit Offenheit für Veränderungen zu antworten. Reflexivität hilft zur Bewältigung der hoch differenzierten und inkonsistenten sozialen Welten und der ebensolchen Innenwelt.

Diesen Pfad des „positiven Umgang(s) mit Vielfalt, Pluralität und Inkonsistenz“ habe ich seit den 1990er Jahren theoretisch verfolgt; ich gehe ihn auch in diesem Artikel, hoffentlich etwas reflektierter, was die Einordnung und Relativierung des eigenen Denkens anbetrifft.

Die widersprüchliche Situation des Subjekts zwischen Universalisierung und Unterminierung bzw. Fragmentierung ist wohl der Grund für die Inflation der Subjektivitäts- und Identitätsdiskurse Ende des 20. Jahrhunderts.

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden Fragen der Subjektivität besonders unter dem Begriff der Identität diskutiert. Die Vorstellung von Identität als zeitlich überdauernder Entität, die durch lebensgeschichtliche Kontinuität und Kohärenz über Rollen bzw. Lebensbereiche sowie eine hierarchische innere Ordnung gekennzeichnet ist, entspricht der Idee des autonomen vernunftgeleiteten Subjekts (oder Individuums). Beides ist untrennbar mit der bürgerlichen Epoche der Industriestaaten verbunden. Identität in diesem Sinne ist ein Konzept des 19. Jahrhunderts, das im 20. Jahrhundert so richtig populär wurde, gerade als sich abzeichnete, dass das Gemeinte immer weniger erreichbar wurde.

Vielfältige sozialwissenschaftliche Diskurse versuchten in den letzten Jahrzehnten, den Identitätsbegriff von den Konnotationen von Wesenhaftem (Essentiellem), von Einheitlichkeit und Festigkeit, von hierarchischer innerer Ordnung zu befreien (Überblick bei Keupp u.a. 1999). Diese Diskussion will ich hier nicht nachzeichnen. Beispielhaft erwähnt sei die Position des schwarzen britischen Soziologen Stuart Hall (1996), dass Identität nichts Essentielles, kein unveränderliches Sein ist, sondern strategisch – auf Lebensentwürfe bezogen – und positional – abhängig von der Positionierungen in der Gesellschaft. Identität meint nicht einen stabilen Selbst-Kern, der sich lebensgeschichtlich ohne wesentliche Veränderung entfaltet, auch nicht das „wahre Selbst“, das man unter einem künstlich auferlegten Selbst herausschälen muss. Vielmehr sind Identitäten – Hall spricht immer im Plural – nie einheitlich (unified), sondern heute zunehmend gebrochen, nie singulär, sondern multipel. Sie sind „konstruiert über verschiedene, oft sich überschneidende Diskurse, Praktiken und Positionen“ (S. 4). Identitäten sind radikal historisch und immer im Prozess zu denken. Sie sind auch lebensgeschichtlich dauernd im Wandel dadurch, wie wir repräsentiert werden, also wie andere uns sehen und erzählen und wie wir uns selbst erzählen („narratives Selbst“). Identitäten werden heute wichtig als Inanspruchnahme und Bekräftigung von Zugehörigkeiten, die ihre Selbstverständlichkeit verloren haben (oder auch nie selbstverständlich waren wie die von Schwulen und Lesben).

Immer häufiger ist in den Diskursen über Subjektivität vom „Selbst“ (self) die Rede. Auch ich spreche vom Selbst: Da in der alltäglichen Diskussion das Wort „Identität“ immer wieder die Einheitlichkeits- und Wesenskern-Vorstellungen des bürgerlichen Identitätsdenkens auslöst, vermeide ich möglichst den Begriff „Identität“ und ersetze ihn durch den des „Selbst“ Damit betone ich die reflexive Perspektive auf sich selbst. Ich nehme in Kauf, dass Selbst ein schwammiger und vieldeutiger Begriff ist, ja ich betrachte das als Vorteil im Sinne der Öffnung, Entnormierung und Relativierung des Subjektbegriffs. Straub/Sichler (2006, S. 1) fassen die derzeit gültige sozialwissenschaftlich-sozialpsychologische Auffassung vom Selbst als einem „dynamisch prozessuierenden und sich lebenslang wandelnden Konstrukt“ zusammen. „Konstrukt“ betont den Charakter des Hergestellten: Jedes Individuum entwirft, erzählt, konstruiert sich in jedem Moment und lebenslang selbst (es leistet nach Keupp/Höfer 1997 alltäglich „Identitätsarbeit“). Diese individuelle Selbstkonstruktion ist ein Teil der umfassenderen soziokulturellen Praxis, in der das Selbst konstituiert wird.16 Das Selbst ist ein andauernder Prozess.

Im Neben- und Durcheinander der Begriffe „Subjekt“, „Identität“, „Selbst“ in zeitgenössischen Diskursen fand ich bei Sylvia Pritsch eine gewisse plausible Orientierung. Sie resümiert in ihrem Überblick über poststrukturalistische Subjektdiskurse, dass „Subjekt/Subjektivität“ als „ein Netz aus differenten Bedeutungsknoten“ zu sehen sei, die mit Kategorien Körper, Selbst, Person, Identität, Subjekt angesprochen werden, wobei jeder Begriff für ein Bedeutungsspektrum steht.17 Aber es gibt keine positive Bestimmung von Subjekt(ivität).

Gesellschaftliche Veränderungen machen es nötig, neue, offenere Vorstellungen von Subjektivität zu entwickeln.
Sie umfassen Vielstimmigkeit (Pluralität/Multiplizität), Widersprüchlichkeit, Heterogenität des Subjekts (oder Selbst) und seine Abhängigkeit von bzw. Verwobenheit mit Anderen und Anderem (Menschen, Sprache, Technik, Natur).

Exkurs: Multiple Persönlichkeiten (Dissoziative Persönlichkeitsstörungen) – (Zerr-)Spiegel „postmoderner“ Subjektivität?

Tiefere Einsicht in „postmoderne“ bzw. poststrukturalistische Subjekt- bzw. Identitätskonzepte habe ich u.a. durch die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Multiplen Persönlichkeit, gewonnen, das seit den 1990er Jahren mehrfach beschrieben wurde.18 Margo Rivera interpretiert das Phänomen Multiple Persönlichkeit, das heute meist Dissoziative Persönlichkeitsstörung genannt wird, als „lebendige Illustration von Poststrukturalismus in Aktion” (2002, S. 340, Übers. H.B.).19 Menschen mit Multipler Persönlichkeitsstörung haben zu einem extrem hohen Prozentsatz schweren Missbrauch, meist auch sexuellen, in der Kindheit erlebt, bei weitem die meisten sind Frauen. Sie haben im Versuch, die schrecklichen Erfahrungen zu bewältigen, im Umgang mit unterschiedlichen Situationen eine Reihe von höchst unterschiedlichen, sich befehdenden „Alterpersönlichkeiten“ oder „Persönlichkeitszustände“ entwickelt, die streng voneinander getrennt (dissoziiert) sind. Sie teilen damit die furchtbaren Erfahrungen auf, machen sie durch Dissoziation erträglich. Die Alterpersönlichkeiten ergreifen abwechselnd die Kontrolle über den Körper und das Bewusstsein; sie sind nie gleichzeitig bewusst. Im Lauf des Lebens entwickeln sie sich in Auseinandersetzung mit späteren Erfahrungen weiter.

Rivera (S. 340) sieht „die Konstruktion der Alterpersönlichkeiten als Beispiel der kontinuierlichen Produktion und Reproduktion spezifischer sozialer Positionen und Praktiken. Jeder Persönlichkeitszustand identifiziert sich mit einer bestimmten Position gemäß der Rolle, die dieser Persönlichkeitszustand als Teil der Gesamt-Überlebensstrategie des Individuums zu spielen lernte. Wir können viel über das Individuum und die Kultur lernen, indem wir das Zusammenspiel der Persönlichkeiten beobachten“. Z.B. gibt es bei weiblichen Multiplen häufig das gehorsame kleine Mädchen, die sexuell verfügbare oder die fürsorgliche Frau – und auf der anderen Seite Alterpersönlichkeiten, oft männliche, welche machtvolle, widerständige, z.T. auch antisoziale Positionen innehaben: Hier agieren Alterpersönlichkeiten gemäß den vorgegebenen Geschlechter-Rollenskripts. Die Dynamik dieser Persönlichkeiten, ihres Wechsels und ihrer Kämpfe ist die Dynamik von Machtlosigkeit und Macht (Frau-Mann, Kind-Eltern), von Unterwerfung und Widerstand, je nach den situativen Gegebenheiten und Positionen. Wir können in multiplen Persönlichkeiten „persönliche Identitäten beobachten, wie sie kontinuierlich im sozialen Kontext des Individuums und in der weiteren sozialen Ordnung konstruiert und rekonstruiert werden.“ (Rivera S. 341)

Die poststrukturalistische Vorstellung von multiplen, sich verschiebenden, in sich widersprüchlichen Identitäten als Ergebnis von heterogenen Subjektpositionen wird anschaulich in den dissoziierten Alterpersönlichkeiten von Menschen, die an multipler Persönlichkeitsstörung leiden.

Auf der anderen Seite gibt die theoretische Auseinandersetzung mit poststrukturalistischen, dekonstruktiven philosophischen Positionen auch einen vertieften und erweiterten Blick auf die Dynamik Multipler Persönlichkeitsstörungen. Sie sind dann nicht nur individuelle Symptome, sondern sie werden verständlich als soziale Phänomene. Manche Autoren, wie z.B Held (1999) sehen Multiple Persönlichkeitsstörung weniger als „reale Krankheit“ denn als psychiatrisches bzw. psychiatriepolitisches Konstrukt. Massenhaft sichtbar bzw. diagnostiziert können sie werden, weil der „Zeitgeist“ der 1990er Jahre die illusorischen Einheits-Identitätsvorstellungen destruierte (auch wenn die meisten ZeitgenossInnen das noch nicht zur Kenntnis nehmen). Multiple Persönlichkeiten bzw. dissoziative Störungen werden als Sonderfälle dessen verständlich, was auch in „Normalbürgern“ vorgeht: dass Menschen nicht aus einem Guss sind, nicht einheitlich und widerspruchsfrei funktionieren, sondern heterogen und vielstimmig sind. Bei der Dissoziativen Persönlichkeit ist die Kommunikation und das Zusammenspiel der „Stimmen“ bzw. Subjekt-Positionen tief gestört, ein dauernder Kampf. Die Stimmen sind nicht gleichzeitig im Bewusstsein, sondern durch starke Barrieren voneinander getrennt; sie können nicht miteinander sprechen, sondern nur abwechselnd sprechen bzw. handeln. Diese extreme Fragmentierung ist mit starkem Leiden verbunden. „NormalbürgerInnen“ dürften weniger fragmentiert funktionieren; sie können zumindest vorgeben, einigermaßen einheitlich und widerspruchsfrei zu sein, sie können ihre „komplexen Verortungen in verschiedenen Positionen von Macht und Begehren verleugnen“ (Rivera, S.342).

Auch für Kohärenz, Widersprüche und Differenzen der „NormalbürgerInnen“ könnte das Verständnis von Integration, das Rivera mit Bezug auf die Therapie multipler Persönlichkeiten vorschlägt, ein nützliches Modell liefern: Ausgangspunkt ist die poststrukturalistische Vorstellung eines Selbst, das „lebenslang aus vielen unterschiedlichen Positionierungen und Praktiken“ (Rivera 2002, S. 343), aus dem Bewusstsein von Differenzen innerhalb und zwischen Menschen erarbeitet wird. Es geht darum, die Widersprüche der verschiedenen Stimmen und Wünsche in der Person nicht zum Schweigen zu bringen, sondern die getrennten und zum Teil schwer zugänglichen Bereiche als integrale Teile des Ich ins Bewusstsein zu bringen und dabei die Machtrelationen zu reflektieren, die die Person selbst und die Gesellschaft, in der sie lebt, konstituieren. Das eröffnet mehr Optionen und mehr Manövrierfähigkeit in den Machtstrukturen, also vielleicht eine etwas weniger (z.B. durch die machtverwobenen Geschlechterkonstruktionen) begrenzte Handlungsfähigkeit.

2. Das Selbst – ein kulturelles Konstrukt (narrativ, relational, dialogisch) und ein raum-zeitlicher Prozess

Das Konzept des Selbst ist ein europäisches kulturelles Konstrukt20; in der hier vorgestellten reflexiven und prozessuralen Form ist es ein “westliches“ Konstrukt der Spätmoderne, Postmoderne oder Reflexiven Moderne, wie die gegenwärtige Epoche von verschiedenen Autoren genannt wird. Es ist nicht unverändert auf Menschen anderer Kulturen und Zeiten anwendbar.

Wie schon George H. Mead ausgeführt hat, ist das Selbst Ergebnis interaktiver Prozesse: Es entsteht daraus, wie ich mich von anderen wahrgenommen und behandelt sehe (looking glassself nach Cooley), welche Position ich in der Gruppe oder Gesellschaft einnehme, wie ich mich damit auseinander setze, welches Selbstbild ich daraus entwickle. Es ist immer ein kulturelles Selbst, das in der symbolischen (und materiellen) Praxis einer historischen Kultur entsteht und sich verändert.

Mit der Zunahme von Mobilität und kulturellen Austauschprozessen, die über technische Medien vermittelt sind – mit Reisen und Migration, mit Bollywood im deutschen Kino, deutscher Autowerbung im afrikanischen TV, über weltweite Internetforen usw. – kreuzen sich heterogene Diskurse, und es entstehen neue Lebensformen und damit neue Formen des kulturellen Selbst.

Für das kulturelle Selbst wurden die verschiedensten Begriffe vorgeschlagen, metaphorische Bezeichnungen, die jeweils einen Aspekt betonen. Einige möchte ich erklären.

Das narrative Selbst signalisiert, dass es das fortwährende Geschichtenerzählen ist, über das ein scheinbar einheitliches Selbst (das erzählte Selbst) konstruiert wird. Diese Geschichten, die Erlebtes sinnvoll interpretieren, folgen kulturell vorgegebenen Mustern.

Das relationale Selbst (Gergen 1994) verweist, im Gegensatz zur dominanten abendländischen Erzählung des autonomen Subjekts, darauf, dass jedes Selbst in Beziehungen zu anderen entsteht. Feministinnen hatten schon in den 1980er Jahren darauf hingewiesen, dass Frauen sich selbst in Beziehung zu anderen wahrnehmen (Selbst-in-Beziehung), dafür aber Schwierigkeiten haben, die Sorge für andere und die Sorge für sich selbst in Balance zu bringen (Diezinger 1991).21

Der Begriff „dialogisches Selbst“ (Hermans) (auch „diasporisches“ oder „nomadisches Selbst“) soll darauf verweisen, dass globale Mobilität und Austauschprozesse überall auf der Welt einen22 neuen Typ des Selbst hervorbringen, der sich als über die Welt verstreut, „nomadisch“, in einer „inneren Diaspora“ und mehr oder weniger „fragmentiert“ erlebt (Sichler/Straub/Ziehlke 2006). Die Begriffe „diasporisches“ bzw. „dialogisches Selbst“ werden besonders auf MigrantInnen angewendet.

Der niederländische Kulturpsychologe Hermans (2002) nennt das dialogische Selbst eine „society of mind“. Hier wird – entgegen den Vorstellungen vom zentrierten, einheitlichen und autonomen Subjekt – radikal die Dezentrierung und Heterogenität sowie der interdependente (mit anderen verwobene) Charakter des Selbst betont: Es ist vielstimmig, entsprechend der Vielzahl der Ich-Positionen in den sich mischenden und bewegenden Kulturen und Kontexten, in denen es lebt. Mithilfe des Konzepts der Vielstimmigkeit ist es für Menschen mit Migrationshintergrund möglich, die unterschiedlichen Teile ihrer Herkunft als ‚Stimmen’ verschiedener Subjekt-Positionen zu verstehen und miteinander in Dialog treten zu lassen und so kreativ mit ihrer Heterogenität umzugehen. Die Akkulturationsforscher Bathia & Ram (2001, ref. von Ziehlke 2006, S.70) sehen aufgrund ihrer empirischen Studien im dialogischen Selbst das Bewusstsein für die Kulturabhängigkeit des eigenen Selbst, verbunden mit der Fähigkeit, auf einem kohärenten und über die Zeit kontinuierlichen Selbst-Strang in (kulturell) verschiedenen Situationen zu bestehen. Es muss also, wie Zielke hervorhebt, ein Selbst(teil) unterstellt werden, das die Vielzahl der Stimmen zusammenhält bzw. in Dialog miteinander bringt. Es ist auch notwendig, danach zu fragen, unter welchen Bedingungen eine Person Heterogenität, Diskontinuität, Widersprüchlichkeit und Instabilität aushalten bzw.   zwischen Diskontinuitätserfahrungen und sozialen Kontinuitätsforderungen balancieren kann – oder wann sie das nicht mehr kann. 

Viele ältere psychologische und auch die populären Vorstellungen von Subjekt (von Psyche, Persönlichkeit, Identität) kreisen um Struktur, Stabilität und Eigentlichkeit (das „wahre Selbst“). Die klassische Psychoanalyse sieht die ersten drei Lebensjahre als entscheidend für die Bildung psychischer Strukturen an. Besonders Identifikationen mit Elternfiguren im Laufe der kindlichen Entwicklung wirken strukturbildend. Eine Vielzahl heterogener Identifikationen verstärkt die inneren Konflikte (Widersprüche). Alle neueren Konzepte dagegen (aber auch schon Mead) betonen den Charakter des Subjekts, von Identität bzw. Selbst „als raumzeitlichen Prozess“ (Pritsch 2008, S.165). Neuere Konzepte gehen davon aus, dass das Selbst in andauernden Prozessen konstruiert wird23. Sie betonen also seine Veränderlichkeit. Aus symbolisch-interaktionistischer Perspektive konstruiert sich ein Mensch immer wieder neu, indem er sich lebenslang mit immer neuen Situationen, mit sich verändernden Lebensumständen auseinandersetzt, in unzähligen Interaktionen mit anderen Menschen, auch in virtuellen Interaktionen und Spielen, im Schaffen oder Versagen gegenüber Zielen und Anforderungen, unter den liebevollen, anerkennenden oder den missachtenden bzw. ignorierenden Blicken der anderen. Aus narrativer Perspektive verändert sich das Selbst mit den immer neuen bzw. nie völlig identisch wiederholten Geschichten, die jemand sich erzählt oder über sich erzählt oder erzählt bekommt.

Dennoch, das möchte ich hier einfügen, ändern sich Menschen, ändern sie ihr Bild von sich selbst nicht beliebig. Wir müssen davon ausgehen, dass sich durch die Erfahrungen in Kindheit und Jugend, und besonders den ersten Lebensjahren Grund-Strukturen des Selbst bilden, d.h. Gewohnheiten, Regelmäßigkeiten des psychischen Funktionierens, der Auseinandersetzung mit der Umwelt und sich selbst. Man kann das psychoanalytisch erklären, nämlich mit den entstehenden spezifischen Weisen des Umgangs mit inneren Konflikten, oder neurowissenschaftlich, nämlich mit dem Entstehen bestimmter neuronaler „Architekturen“ auf der Basis der Verbindungen (und Nicht-Verbindungen) von Nervenzellen, also mit den früh entstandenen neuralen Netzwerken.

Diese Strukturen sind nicht unveränderlich: Neuronale Netzwerke, besonders in der Hirnrinde, werden auf- und umgebaut, stabilisiert und abgebaut in Prozessen der Verarbeitung von Umweltinformationen, in der individuellen Lebenspraxis und Lebensgeschichte. Die lebensgeschichtlich früh entstandenen Strukturen (neuronale Netzwerke, innere Konflikte und Formen des Umgang mit ihnen) sind sozusagen die Ausgangs-„Werkzeuge“ für die weitere Auseinandersetzung des/der einzelnen mit der Umwelt und sich selbst. Sie eröffnen bestimmte Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten und behindern andere. Die „Werkzeuge“, die Strukturen verändern sich dabei. Aber wie stark sie sich verändern, ob und unter welchen Bedingungen sie tiefgreifend umkonstruiert werden, ist offen; technisch gesprochen eine empirische Frage, theoretisch eine Frage des Offenhaltens der Subjektvorstellungen.

3. Bilder, Theorien, Metaphern für innere Pluralität, Vielstimmigkeit und Heterogenität und den Umgang damit

Im Folgenden stelle ich eine Reihe von Theorien, Bildern, Metaphern vor, welche die Erfahrung innerer Vielstimmigkeit (Multiplizität, Pluralität), Heterogenität und Widersprüchlichkeit bis hin zur Fragmentierung und mögliche Formen des Umgangs damit psychologisch vorstellbar machen. Diese Theorien, Bilder, Metaphern können helfen, festgefahrene Vorstellungen aufzulockern, Denkspielräume zu eröffnen. Sie können es erleichtern, innere Vielstimmigkeit nicht nur als Pathologie zu sehen, sondern als reichhaltiges Potential.

Dissoziationstheorie: Dissoziation als alltäglicher adaptativer Mechanismus24

Der Begriff Dissoziation bezeichnet die zeitweilige oder dauernde Abspaltung von Kognitionen oder Emotionen aus dem Bewusstsein. Wir alle dissoziieren, da unser Bewusstsein nur einen winzigen Teil dessen beinhalten und bearbeiten kann, was in und um uns vor sich geht: Wir vergessen, wir schalten alles andere ab, wenn wir konzentriert der Musik oder einem Menschen zuhören, wenn wir lesen oder am Computer spielen. Wir merken nicht, wie wir nach Hause fahren, wenn wir über ein Problem nachdenken. Dissoziation kann aber auch tiefer gehen und andauern und unbewusst funktionieren, etwa indem Menschen, insbesondere Männer, die Erfahrung kindlicher Hilflosigkeit und damit kindliche Selbstanteile abspalten und verdrängen oder allgemein solche Selbstanteile, die nicht zum Bild von sich selbst passen.

Dissoziation kann als sehr wirksamer Überlebensmechanismus benutzt werden, je nach individueller Fähigkeit zur Dissoziation und je nach Umweltbedingungen. Das gilt besonders in Gesellschaften mit hoher funktionaler Differenzierung, die ein hohes Maß an Dissoziation vom einzelnen erfordern, während er sich durch seine verschiedenen sozialen Welten, von der Familie über Schule und Freundesgruppe bis zu „virtuellen“ Welten, bewegt.

Martindale: Die Person als Set von situationsbezogenen Subselbsten

Der Sozialpsychologe Martindale (1980) entwarf, von der Dissoziationstheorie herkommend, entsprechend dem anti-hierarchischen Zeitgeist der 1970er Jahre das „Selbst“ als ein Set von Subselbsten (Handlungs- und Steuerungseinheiten) ohne festgelegte Hierarchie. Meist aktiviert die Situation vor allem ein bestimmtes Subselbst; dieses wird dann dominant und kontrolliert das Verhalten. Menschen können verschieden viele Subselbste haben. Wer nur wenige Subselbste hat, handelt rigide, wenig situationsadäquat. Martindale nimmt an, dass die Grundstruktur der Person flexibel ist: Die relative Dominanz und auch die Zahl der Subselbste kann sich ändern.

Dieses frühe postmodern-sozialpsychologische Modell stellt eine Extremposition mit (Über)Betonung der Dezentrierung und Prozessualisierung dar: Der Frage der Kohärenz, des Zusammenhangs oder einer zentralen Instanz wird keine Aufmerksamkeit geschenkt; die Veränderlichkeit der Struktur des Selbst wird sicherlich überschätzt.

Beahrs: Simultane Einheit und Vielfalt der Person, Symphonie-Orchester und Dirigent als Metapher für Organisierung der psychischen Einheiten zu einem kohäsiven Selbst

Der Psychiater Beahrs (1982), der mit vielen PatientInnen mit Dissoziativen Störungen gearbeitet hat, bietet uns eine paradoxe, aber faszinierende Vorstellung an: Jeder Mensch, auch der gesunde, ist einerseits multiple Selbste („psychische Einheiten/mental units“), andererseits gleichzeitig eine Einheit („kohäsives Selbst“). Das kohäsive Selbst ist – hier lehnt er sich an den Psychoanalytiker Kohut an – „das, was sich als mentale und physische Einheit erfährt, die Kohäsion im Raum und die Kontinuität in der Zeit“ (Beahrs S. 84). Gleichzeitig ist jeder Mensch mehrere Teile, die sich jeweils als Selbst erfahren. Er betont, dass diese Teile keine abstrakten Mechanismen seien, sondern bewusst erlebende Wesen. Er zählt dazu Stimmungen, Rollen, Ich-Zustände oder auch (bei Menschen mit Dissoziativen Störungen) Alter-Persönlichkeiten, die sich als völlig separate Selbste wahrnehmen. Sie entstehen durch die Fähigkeit zur Dissoziation, also der Trennung bestimmter Aspekte der Psyche von anderen. Beahrs betrachtet die Fähigkeit zur Dissoziation und inneren Pluralität als kreativ, als Fähigkeit, welche die Möglichkeiten zur Lebensbewältigung erhöhen, psychische Gesundheit herstellen und das Leben bereichern kann.

Die (ideale) Organisation der Teile zu einem kohäsiven Selbst macht er mit dem Bild vom Symphonie-Orchester und seinem Dirigent vorstellbar. Es könne aber auch andere Organisationsformen geben, hält er offen. Dissoziation wird zur leidbringenden Störung, zum Symptom, wenn Teile miteinander kämpfen, wenn der „Dirigent“ zu schwach ist oder sich nicht durchsetzen kann, v.a. aber wenn die Kommunikation zwischen den Teil-Selbsten oder ihnen und dem leitenden Selbst unterbrochen ist. Es hängt aber auch vom Kontext ab, ob und wann die Dissoziationen dysfunktional werden und die Rede von „Dissoziativen Störungen“ angebracht ist.

Mir gefällt bei Beahrs die Vorstellung der simultanen Einheit und Vielheit. Sie vermittelt zwischen dem Identitätskonzept der Moderne, das Einheitlichkeit (über)betont, und den Multiplizitäts-Vorstellungen der Postmoderne, die z.T. den Gedanken von Einheitlichkeit und Kohärenz polemisch verwerfen. Beahrs entpathologisiert, wie auch andere Dissoziationstheoretiker, den Begriff der Dissoziation und verbindet ihn mit positiven Konnotationen von Lebensbewältigung und -bereicherung durch innere Vielstimmigkeit (Multiplizität). Deshalb ziehe ich den Dissoziationsbegriff den eher negativ konnotierten Begriffen der Spaltung und Fragmentierung vor.

Außerdem eröffnet Beahrs theoretischen Raum für unterschiedliche Subjektivitätsformen, wenn er annimmt, dass die Dissoziationsfähigkeit und damit die innere Multiplizität individuell variiert und deren Funktionalität vom Kontext abhängt. So erfordern und fördern funktional stark differenzierte arbeitsteilige Gesellschaften ein hohes Maß an Dissoziationsfähigkeit. Aber auch innerhalb einer Gesellschaft wird das unterschiedlich aussehen, je nach Art und Anzahl der Subjektpostionen, die jemand einnimmt, und nach der Dichte oder Lockerheit seines sozialen Netzwerks, nach der Ähnlichkeit oder Unterschiedlichkeit im Funktionieren der sozialen Welten, in denen er/sie sich bewegt.

Gestalttherapie u.a.: Arbeit mit inneren Polaritäten oder verschiedenen Seiten bzw. Stimmen

Die Gestalttherapie arbeitet oft mit inneren Polaritäten bzw. verschiedenen Seiten (oder inneren Stimmen) der Person: Dabei werden unter therapeutischer Anleitung die verschiedenen, einander oft widerstreitenden Seiten auf verschiedene Stühle gesetzt und gebeten, ihre Sicht, ihre Wünsche darzustellen, aufeinander zu antworten usw.. So entsteht Kommunikation zwischen den Seiten, es wird verhandelt. Ziel ist, dass die Person alle Seiten von sich akzeptiert und die getrennten Seiten in Verbindung bringt, idealiter als Integration.

In den 1990er Jahren wurde die Arbeit mit verschiedenen inneren Teilen der Person von verschiedenen psychologischen PraktikerInnen und AutorInnen vorangetrieben. Sie reagierten offenbar auf die gestiegene Pluralität, Heterogenität und Widersprüchlichkeit des Selbst (Hesse 2000).

Sehr anschaulich ausgearbeitet hat diese Gedanken der Kommunikationspsychologe

Schulz von Thun: das „innere Team“ entwickeln

Schulz von Thun (2000) geht explizit von der inneren Vielstimmigkeit (und Widersprüchlichkeit) als normaler Verfassung heutiger Menschen aus. Wenn die inneren Stimmen – er stellt sie als Rollen auf der inneren Bühne vor – sich bekriegen und keine die Oberhand bekommt, ist die Person handlungsunfähig; vielleicht empfindet sie sogar völlige Leere in Kopf.

Ein Beispiel: In der Situation, in der ich beobachte, wie jemand in der S-Bahn eine Frau belästigt, sagt vielleicht eine Stimme (die Mitfühlende): „Du musst was tun!“, eine andere (die Ängstliche): „Zu gefährlich, du kriegst eine über den Schädel“, eine dritte (die Konforme): „Du fällst auf, die anderen werden das für übertrieben halten“, eine weitere (die Pessimistin): „Du bringst die sowieso nicht auseinander“ – und ich bin gelähmt. Oder ich stehe mit widerstreitenden Stimmen und Gefühlen vor der Frage, ob und wie ich gegen das Gemobbtwerden eines Kollegen einschreiten kann.

Schulz von Thun geht davon aus, dass jede Stimme einen für die Person in der jeweiligen Situation wichtigen Beitrag leisten kann, der aber im Streit und Durcheinanderreden nicht adäquat zur Geltung kommt. Das Durcheinanderreden, so sein Vorschlag, sollte einer geordneten, vom „Vorsitzenden“ geleiteten inneren Kommunikation weichen, in der jede Stimme gehört wird und dann überlegt wird, welches Handeln der inneren und äußeren Situation gerecht werden kann. Er führt an vielen Beispielen aus, wie die widerstreitenden Stimmen zur konstruktiven Auseinandersetzung miteinander und mit der Situation gebracht werden können – mit etwas Übung auch in kurzer Zeit. Auf die Dauer kann so eine „innere Teamentwicklung“ stattfinden, welche die Handlungsfähigkeit erhöht.

Dieses praxisorientierte Modell versucht also, das Neben- und Gegeneinander der inneren Stimmen mit Bezug auf die jeweilige Situation mithilfe eines unterstellten (begrenzt) steuerfähigen „Vorsitzenden“ zu einem kooperativen Miteinander zu entwickeln.

Bilden (1997): Das Selbst als ein dynamisches, sich selbst organisierendes System von flexibel verbundenen Teil-Selbsten

In den frühen 1990er Jahren entwickelte ich ein Verständnis des Individuums (oder Selbst ) als dynamisches, sich selbst organisierendes System von Teil-Selbsten. Ich dachte an solche unterschiedlichen Teilselbste wie biographische Selbste aus verschiedenen Lebensphasen, Selbste, die aus verschiedenen Rollen oder Beziehungen resultieren oder sich mit bestimmten Diskursen identifizieren25. Es könnten mögliche Selbste (gewünschte und gefürchtete Selbst-Konzeptionen für die Zukunft) sein oder verleugnete oder Schatten-Selbste, die als gefährlich und fremd ins Unbewusste abgedrängt und rigide kontrolliert werden. Die Vielfalt und Heterogenität zugunsten von Einheitlichkeit zu unterdrücken, bedeutet eine Verarmung, Herrschaft-im-Innern, die internalisierte gesellschaftliche Hierarchie (Flax 1990).

Die Anerkennung dieser Teile, die Akzeptierung der inneren Vielfalt und Widersprüchlichkeit und die respektvolle Kommunikation zwischen ihnen sind es, die eine kooperative Organisation des Selbst ermöglichen. Sie pflegen mehr emotionale Stabilität und ein reicheres Leben zu eröffnen; sie vergrößern das subjektive Potential zu Lebensbewältigung. Das klingt ähnlich wie das, was mehr oder weniger alle Psychotherapien versuchen: widersprüchliche und insbesondere verdrängte Teile der Person zu integrieren, um gesunderes Funktionieren zu ermöglichen.

Die Selbstorganisations-Metapher sagt für sich wenig; gemeint ist das In-Beziehung-Setzen oder -treten von Teilen, Kooperation, das Herstellen eines gewisse Maß an Kohärenzgefühl ohne rigide Hierarchie.

4. Digitale Medien – mächtige Motoren26 der Veränderung von Subjektivität

Die stärksten Veränderungen von Subjektivität werden wahrscheinlich von den neuen digitalen Medien, den elektronischen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), vorangetrieben.

Diese Medien durchdringen immer stärker für immer mehr Menschen den Alltag; sie wachsen zu vielfältigen Medienumgebungen zusammen, v.a. Handy und Internet. Abgegrenzte Lebensbereiche gehen, von Medien verbunden, ineinander über, etwa Hausaufgaben in der Familienwohnung machen und gleichzeitig bzw. abwechselnd Chatten mit den FreundInnen über Instant Messaging. Aber elektronische Medien können auch von unmittelbaren sozialen Kontexten abschotten, wenn sich etwa ein Nutzer der familiären oder partnerschaftlichen Kommunikation entzieht, indem er ausgedehnt elektronische Kontakte pflegt, zu fernen Menschen, mit denen er Interessen teilt, ob Ausländerhass oder Musik, einen Popstar oder Waffen, Kontakte zu „virtuellen“ SexpartnerInnen, oder indem er in Second Life ein „ganz anderes Leben“ führt. Potentiell können sich Menschen verschiedene „Parallel-Existenzen“ aufbauen. Jedenfalls können sie sich leicht in sehr unterschiedlichen sozialen Welten bewegen, von denen das real-physische Leben nur ein Teil ist – wenn ihnen dieses die Zeit lässt, wie es besonders bei Jugendlichen der Fall ist. Sich in sehr unterschiedlichen sozialen Welten bewegen, heißt auch, in der Kommunikation mit verschiedensten InteraktionspartnerInnen, ein weites Netz von z.T. eher losen Kontakten und unterschiedliche Zugehörigkeiten zu pflegen, unterschiedliche Subjektpositionen einzunehmen. Es heißt, auf differente Situationen und Anforderungen zu reagieren, ein breites Spektrum sozialer Praktiken in Abhängigkeit von der benutzten Technologie zu benutzen, sich unterschiedlich zu inszenieren und darzustellen und unterschiedliche Reaktionen der Interaktionspartner zu erhalten: vielfältige und heterogene, widersprüchliche Bedingungen für Selbstbildungs- (oder Identitäts-) Prozesse.

Sicher sind es nicht nur die Informations- und Kommunikationstechnologien, die „neuen Medien“, sondern auch vielfältige weitere soziale Veränderungen, welche die folgenden (psycho)sozialen Entwicklungen vorantreiben, wie ich sie in meinem Artikel „Medien, Sozialisation und Geschlecht“ benenne:

Die Interaktions- und Kommunikationsformen der Menschen verändern sich, so dass Selbstinszenierungen und -Ausdrucksformen (Marken, lifestyle, Handynutzung usw.) immer wichtiger werden. Dazu trägt auch die Kommunikation mittels digitaler Medien bei, weil dabei die Selbstpräsentation zu einer bewussteren und stärker steuerbaren wird als in face-to-face-Kontakten. Selbstinszenierungen gewinnen gegenüber Werten, Überzeugungen, Lebensorientierungen tendenziell an Bedeutung für die Konstitution von Sinn. Damit ändert sich Weltwissen und -beurteilung und Selbstbild, d.h. die Selbstverortung in der Welt. Die Bindung von Identität/Selbst an die unmittelbare (physische) soziale Umgebung lockert sich. Soziale Konfigurationen wandeln sich, indem nahräumliche Beziehungen ergänzt werden durch medial vermittelte. Flexibilität und Reflexivität oder zumindest Distanzierungsfähigkeit sind gefordert und werden mehr oder weniger gefördert. In diesem Zusammenhang ist auch die Beliebtheit von Internet-Rollenspielen, Second Life als Experimentieren mit Identitäten, von YouTube oder von Weblogs zu sehen27. Machtverhältnisse verschieben sich zwischen den Generationen: Kinder und Jugendlichen bedienen sich souverän der Neuen Medien, viele Eltern und Lehrer kommen da kaum mit. Damit wird die Kontrolle der Erwachsenen über Kinder und Jugendliche schwächer; deren Orientierung an Gleichaltrigen (peers) verstärkt. Die Art der Nutzung von digitalen technischen Medien, die heute schon im Vorschulalter beginnt, beeinflusst die Ausbildung von Wahrnehmungs- und Interpretationsschemata und auch von emotionalen Reaktionsschemata, z.B. Management von Angst oder (Nicht)Einfühlung in andere in bestimmten Computerspielen.

José Garcia-Montes und Kollegen (2006) stellen die weitreichende These auf, dass die Informations-Technologie die NutzerInnen nach ihren Funktionsregeln verändert – in Abhängigkeit von der Art und den Zielen der Nutzung, auch dem soziokulturellen Kontext: Sie haben durch psychosoziale Variablen vermittelte Wirkungen auf soziale Praktiken und in ihnen gebildete Identitäten, besonders tiefgreifend bei jungen Menschen, die mit ihnen aufwachsen und sie stark nutzen. Das Internet bringe eine Meta-Repräsentation des Selbst als Netzwerk von Identitäten und eine Zunahme kognitiver Flexibilität mit sich, meinen Garcia-Montes und Kollegen.

Die am meisten verbreitete digitale Technologie dürfte das Mobiltelefon sein, das Handy, ohne das schon 10jährige Kinder kaum auszukommen meinen. Garcia-Montes et al. arbeiten, gestützt auf viele empirische Studien, ihre Thesen zur Veränderung von Subjektivität durch diese Technologie aus. Sie sollen hier exemplarisch vorgestellt werden.

Das Handy macht unabhängig vom Raum; es gehört nur einer Person. Die Kommunikation wird „demokratisiert“, indem etwa japanische Jugendliche oder arabische junge Frauen mit dem Handy ihr Leben undurchsichtiger für elterliche Überwachung machen. Diese potentielle Unabhängigkeit von Gemeinschaft, Tradition usw. kann auch Zugehörigkeiten unterminieren und damit ein „empty self“ hervorbringen, das seinen „undifferenzierten emotionalen Hunger“ (S. 69) mit Konsumgier zu stillen versucht, auf jeden Fall aber viel Information, viele soziale Kontakte braucht. Das Selbst ist abhängig von sozialen Kontakten mit peers (und weniger von sozialen Institutionen). Auch Katz (2004) meint, dass in der technologisierten Welt Menschen abhängiger voneinander denn je seien. Ein Handy funktionsbereit haben, heißt: Ich bin jederzeit verfügbar. Es ist nicht mehr im Vorhinein klar, ob ein Gespräch privat oder beruflich ist oder öffentlich geführt wird, wie am Festnetztelefon zu Hause oder im Büro: Privateste Gespräche oder SMS finden auf der Straße oder im Büro statt oder berufliche im Bett. Das fordert vom Einzelnen, schnellstens die Überschneidung beruflicher und privater Rollen zu verhandeln – kein einfaches Unterfangen! Die Autoren folgern, dass die Mobil-Technologie die Trennung von Privatem und Öffentlichkeit weiter erodieren werde. Die Interferenz von Tätigkeiten (wie Kochen und beruflich Telefonieren oder mit Person A im Restaurant sein und gleichzeitig mit Person B telefonieren) fordert eine neue Form des mentalen Funktionierens: Gesten und Ausdruck stimmen mit der physischen Situation überein, das Reden, der Stimmton mit der telefonischen Interaktion (man denke im Extremfall an die Ehefrau beim Seitensprung, wenn ihr Mann anruft!). Auch wenn jemand allein telefoniert, muss er seine Rolle heftig switchen, chamäleonartig, etwa wenn er nostalgisch herumgeht im Dorf seiner Kindheit und dabei einen Anruf von einem Trinkgesellen von vorgestern empfängt, aber auch beim Spielen mit einem Kleinkind, wenn ein Anruf aus dem Büro kommt: Das sind für mich Beispiele für die viel zitierte Fragmentierung der Postmoderne!

Garcia-Montes und Kollegen folgern, dass die Mobiltechnologie Identitätsprobleme

verschärfen kann. Aber sie kann auch zur Reifung beitragen, wenn die Person dessen gewahr wird, dass sie verschiedene Rollen annimmt und Distanz einnimmt, und sich dadurch ein übergreifendes Selbst-Gefühl entwickelt: Ich kann nicht auf das reduziert werden, was ich gerade tue – auch wenn mein Selbst letztlich darüber konstruiert, geformt wird. Die Distanz-Haltung (das kann coolness sein oder Reflexivität) ist ein kulturelles Produkt der Vielzahl von sozialen Kontakten (und sozialen Welten), der Individualisierung. Das ist eventuell ein Beitrag zur ‚schizoiden’ Persönlichkeit unserer Zeit: Subjektivität wird permanent reflexiv konstruiert.

Das Zeitverständnis ändert sich: Die „ausgedehnte Gegenwart“, die Flexibilität, ist Ergebnis der Stadt mit dauerndem Wandel und Anreizen, befristeten Beschäftigungen usw. Dieses Zeitverständnis wird durch die Mobiltechnologie weiter getrieben: Sie macht den Tag, die Planung unsicher, flexibel, provisorisch: Verabredungen werden verschoben, neue Termine und Aufgaben kommen hinzu. Die daraus entstehenden hohen Anforderungen und der Zeitdruck richten die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart und nahe Zukunft. Auch das kann Fragmentierung, Unverantwortlichkeit, Verlust der Zukunft als Konsequenz unseres Handelns fördern.

Das Handy macht Jugendliche mobil und unabhängig. Sie nutzen es zum Aufbau und Aufrechterhalten ihres ganz persönlichen sozialen Netzes. Jugendliche stehen über Handy in Kontakt mit ihren FreundInnen, ihren peers. Diese sind – neben oder vor der Familie – ihre wichtigsten Bezugspersonen, (signifikanten Anderen). In der Interaktion mit ihnen entwickeln sie ihre Wirklichkeitskonstruktion, ihre Handlungsstrategien, ihre Orientierungen, also ihre Bewertungen von Kleidung, Musik oder auch Religion (Ling/Yuri 2002). Der fast permanente peer-Kontakt vermittelt den Jugendlichen Orientierung und gegenseitige emotionale Stabilisierung. Das Handy ist notwendig, um in der Gleichaltrigengruppe und integriert zu sein; es ist Teil der Jugendkultur. Der ständige Kontakt dient dem dauernden Verhandeln von Beziehung und Zugehörigkeit. Damit das soziale Netzwerk hält, muss man ständig erreichbar sein. Das Handy vermittelt also Zugehörigkeit, Wissen um den eigenen Platz in der Gesellschaft: Identität. Es wird zum Teil des Körpers und des Selbst. Katz’ Titel (2004) bringt es auf die griffige Formel „Machines that Become Us“. Jugendliche fühlen sich unwohl, unsicher, unvollständig, vielleicht sogar gefährdet ohne Handy, das sie mit anderen in Kontakt hält. Das Handy als Talisman „verbindet mit den abstrakten (magischen) Systemen der postmodernen Gesellschaft“ (Garcia-Montes et al. 2006, S. 77).

Es entsteht, so meine These, ein Selbst, das extrem abhängig ist vom ständigen Kontakt mit anderen, ganz im Gegensatz zur Ideologie des autonomen Individuums – aber sind die Einzelnen sich dessen bewusst?

Die Effekte von Informations- und Kommunikationstechnologien werden vermittelt auch durch die Urbanisierung des jeweiligen Gebiets und die jeweiligen soziokulturellen Praktiken sowie durch persönliche psychosoziale Faktoren des Nutzers: Es gibt eine dialektische Beziehung zwischen Handy und NutzerIn sowie dem sozialen Kontext. Die Thesen von Garcia-Montes et al. gelten, wie sie betonen, für „westliche Gesellschaften“ mit „postmodernen“ Bedingungen – in ländlichen Gesellschaften oder bei den Armen der Megacities müsste man anders analysieren. Dabei wären Heterogenität, Macht, Ressourcenverteilung zu berücksichtigen. M. E. werden empirische Untersuchungen aber auch für „westliche“ Gesellschaften differenzierte Ergebnisse hervorbringen, die nur durch den Bezug auf Heterogenität, Machtverhältnisse und Ressourcenverteilung sowie verschiedene digitale Technologien und ihre Verknüpfung interpretierbar werden.

5. Jenseits des klassischen Subjektivitätskonzepts?

5. 1. Subjektivierungstechniken – Selbstsorge – Lebenskunst (Foucault, Wilhelm Schmidt)

In der kritischen Diskussion der Subjektkonzeption, insbesondere der poststrukturalistischen, verliert das Subjekt seinen Substanz-Charakter; es wird zur Form, zur historisch kontingenten Form. Das hat insbesondere Foucault aufgezeigt und daran die Aufforderung geknüpft, diese Form selbst verantwortlich zu gestalten (Selbstsorge).

Im späteren Denken Foucaults gewann das Subjekt wieder an Bedeutung in Form von Subjektivierungstechniken bzw. Selbstsorge. Ohne Hoffnung auf eine Transformation der Machtverhältnisse28 ging es ihm nun um die Genealogie des Subjekts als Geschichte der produktiven Fremd- und Selbstdisziplinierung. Er entwickelte die Vorstellung einer Transformation des Selbstverhältnisses durch Subjektivierungstechniken: Gestaltung der Machtverhältnisse mittels reflektierter Selbstgestaltung in Praktiken der Sorge für sich selbst – im Bewusstsein von Machtbeziehungen. Er schlägt die Selbstsorge als zeitgenössisches ethisches Konzept vor (vgl. Reichenbach 2000) – statt Selbstsuche oder Finden eines „wahren Selbst“: Das Subjekt, das in der zeitgenössischen Philosophie seinen Substanzcharakter verloren hat, als Form begriffen wird, konstitutiert sich in seinen Praktiken, im konkreten Tun. Es formt sich in diesen Praktiken, in seiner Art zu leben, und es kann an mit Selbsttechniken oder Praktiken der Selbstsorge an seiner Selbsttransformation arbeiten. Selbsttechniken oder Praktiken der Selbstsorge bergen die Möglichkeit der Subjektivierung (subjectification), des Subjektwerdens, des Unabhängig(er)werdens. Damit sind Veränderungsoffenheit und (ein Mehr an) Freiheit trotz Determinierung und Heteronomie gedacht.

Foucault hatte mit seiner Genealogie der Selbstpraktiken in der Antike ein neues Denken des Subjekts zu finden versucht (Gros a.a.O. S. 640). Die Formeln der Antike für eine kollektive Ethik in Philosophie, in geistigen Übungen und Praktiken (Foucault 2004, S. 28f) beinhalten, in positiven Geboten ausgedrückt, u.a.: sich um sich selbst sorgen, Freude in sich selbst finden, sich selbst Freund sein, in sich wie in einer Festung sein, sich selbst achten, sich selbst dienen, jeden Tag so leben, als sei es der letzte. Diese antiken Selbsttechniken dienen dazu, die eigene Freiheit zu pflegen und zu entwickeln. Foucaults Ethik der Selbstsorge, der Selbstpraktiken oder Technologien des Selbst, wie es auch heißt, meint: aus dem Leben ein Werk zu machen, sich selbst zu formen, sich zu transformieren. Die Selbstsorge-Techniken sind nicht unabhängig von den jeweiligen historischen Herrschaftstechniken. So spricht Foucault auch von „Gouvernementalität“ in Bezug auf diese Selbsttechniken. Unruhe und Zweifel, Selbstbeobachtung, Distanz und Reflexion spielen darin eine tragende Rolle. Ziel ist eine neue Gouvernementalität der ethischen Distanz, eine Ethik des Selbstkultur durch Selbstbeherrschung und Selbstbemeisterung.29 Gros (2004 S. 647) nennt es eine „Ethik der Immanenz, der Wachsamkeit und der Distanz“, die dem Leben und dem Verhalten eine Form gibt: eine persönlich gewählte Existenzweise, die dem Leben durch Übungen, Meditationen, Regelmäßigkeit, Arbeit an sich selbst eine Ordnung verleiht; sie bewirkt eine immanente Vollendung des Selbst: Selbst-Bildung30. Solche Selbstsorge reguliert das Handeln, macht unabhängig(er) von Besitz, Ämtern und Rollen, ist Voraussetzung für verantwortliches Handeln.

„Selbstsorge“ wird in unzähligen Büchern, Artikeln und Instituten aufgegriffen und vermarktet. Lantermann u.a. (2009) sehen Selbstsorge als „Schlüsselkompetenz“ in einer Zeit, die von den Subjekten permanente Veränderung fordert und einen eigenverantwortlichen Umgang mit Unsicherheit, Ungewissheit und Unbestimmtheit. Diese AutorInnen zählen zur Selbstsorge auch bürgerschaftliches Engagement als Sorge um das soziale, materielle und politische Umfeld. Und sie betonen, dass Selbstsorge externe Ressourcen voraussetzt, v.a. Zeit für sich – die z.B. Mütter kaum haben –, eine gewisse materielle und persönliche Unabhängigkeit, Reflexionsfähigkeit u.a.m.; Bildung ist dafür eine gute Voraussetzung.

Viel gelesen ist Wilhelm Schmidts „Philosophie der Lebenskunst“, die den Gedanken der Selbstsorge als Kunst der Lebensführung, die dem Leben und „der Freiheit Formen“ (Schmidt 1998, S. 95) gibt, geradezu beängstigend systematisch entwickelt: Seine umfassend gedachte „Ethik der Sorge“ reicht vom Bewusstsein über Machtstrukturen und dem Versuch ihrer Veränderung über die Verbindung der Sorge um sich mit der Sorge um Andere bis zum „Lebensstil des ökologischen Selbst“ (S. 399), das seinen Bürgersinn nicht auf die Stadt oder Region beschränkt, sondern auch auf globale Fragen anwendet – eine anspruchsvolle Version der Ratgeber-Literatur.

5.2. Weibliche Subjektivität jenseits von Weiblichkeitsbildern: Ein Projekt gemeinsamer Konstitution als konkret-historische individuelle Subjekte (Susanne Maurer)

Nach einer Reihe von Strategien der Frauenbewegung, Frauen positive Selbstsetzungen (als Hexe, Amazone usw.) zu vermitteln bzw. sie zur kritischen Auseinandersetzung mit kulturellen Weiblichkeitsbildern anzuregen, war in den 1990er Jahren Dekonstruktion durch Vervielfältigung von Weiblichkeiten bzw. Geschlechtsidentitäten angesagt31. Nach der Jahrtausendwende muss Weiblichkeit (wie ganz allgemein Subjektivität) als bedeutungsoffen angesehen werden. Das aber in die Lebenspraxis umzusetzen, ist eine kaum angegangene Aufgabe, ein anstrengendes Unterfangen.

Susanne Maurer (2001) berichtet von dem Versuch der Teilnehmerinnen eines Fortbildungs-Projekts von Sozialarbeiterinnen, die klassische Subjekt-Idee ansatzweise zu überschreiten.32 Sie gingen daran, sich mit dekonstruktiven Verfahren in gemeinsamen Selbstreflexionsprozessen als konkret-historische individuelle Subjekte zu konstituieren33: Die Sozialarbeiterinnen teilten sich ihre Strategien im Umgang mit den widersprüchlichen Verhältnissen mit. Dabei erfuhren sie sich in der konkreten Praxis (des Berufs und der Fortbildung) als Subjekte, deren Widerständigkeit immer wieder aufblitzte, „indem sie sich zum Beispiel als widerspenstig und sperrig gegenüber Bildern, Benennungen und Bedeutungen erweisen“ (Maurer S.105). In dekonstruktivem Vorgehen räumten sie sich von Bildern des Weiblichen und den Reduzierungen durch diese frei. So schufen sie einen Raum, um Bedürftigkeit wie auch Quellen der Macht und Kraft zu untersuchen und neue Wahrnehmungsmöglichkeiten zu erforschen. Mit dem Freiräumen von Weiblichkeitsbildern riskierten sie aber auch, Leere und Ungewissheit zu erleben. Sie machten anstrengende Erfahrungen, wie brüchig Identitäts- und Subjektkategorien sind, und erlebten Konflikte, die üblicherweise durch die hierarchischen Geschlechterpolarisierungen (wie Abhängigkeit und Autonomie, Gefühl und Intellekt) aufgespalten werden.

Im Zentrum stand die Genauigkeit des Wahrnehmens und Mit-Teilens – nur so kommt die Vielfalt und Differenz im Selbst und untereinander zum Vorschein. Es muss allerdings mühsam gelernt werden, „sich und andere Frauen als eigensinnige Subjekte wahrzunehmen“ (a.a.O. S.115), Kontroversen zu riskieren und die Spannung der Differenz in sich selbst und zu anderen auszuhalten. Dabei macht erst die Selbstanerkennung als Subjekt es möglich, die anderen als Subjekte anzuerkennen. Im Rahmen der Fortbildung war es (u.a.) die Reflexion der professionellen Praxis der Sozialarbeiterinnen in der Beziehung zu ihren AdressatInnen, in der die Teilnehmerinnen einen „gemeinsamen theoretischen und symbolischen Bezugshorizont oder Sprach-Raum schaffen“ (a.a.O. S.116) konnten, der das Sprechen und Mitteilen in gesellschaftlich vermittelten Beziehungen ermöglichte. Maurer streicht als entscheidend notwendig heraus, „zu Formen der Darstellung und Selbst-Gestaltung zu finden, zu ästhetischen Praktiken des Selbst, mit denen die eigenen Erfahrungen und Selbst-Verhältnisse erst mitteilbar werden.“(a.a.O. 115f)

Auf der gesellschaftlichen Ebene fordert sie, nicht nur die klassischen Subjekt-Konzeptionen radikal in Frage zu stellen, sondern auch „für Frauen den Status eines Subjekts einzufordern und zu ermöglichen: eines Subjekts der Erkenntnis, der Politik, der Geschichte und – nicht zuletzt – der eigenen Lebensgeschichte, der eigenen Lebensgestaltung (…), die Eroberung des persönlichen, politischen und theoretischen Subjektstatus.“ ( Maurer S.116f) Und es gelte zu sehen, welche Subjektpositionen Frauen zur Verfügung stehen, d.h. ihnen historisch zur Verfügung gestellt werden bzw. welche Subjektpositionen sie beanspruchen und sich nehmen.

5.3. Zu einer Ethik des (prekär gewordenen) Subjekts

Wenn man den Subjekt-Begriff nicht verwirft34, so verändert sich doch, was unter „Subjekt“ beschrieben wird. Das Subjekt wird „zur Form, die nur über ein konstitutives Außen erreichbar ist (Foucaults Selbstformierungen) bzw. deren grundlegendes Merkmal die Nicht-Festlegung ist (Pritsch S. 162)35. Es resultiert eine „postdekonstruktive“ Verantwortung, nämlich die „Aufmerksamkeit für Gestaltung und Repräsentationsweise einer solchen Form“ (a.a.O.). Die kritische Diskussion der Subjektkonzeption, auch die poststrukturalistische, hat also Reflexionsvermögen, Verantwortung, Handlungsfähigkeit nicht verworfen. Vielmehr resultiert, jedenfalls für Pritsch (2008) oder auch für Wilhelm Schmidt (1998), daraus ein neuer ethischer Impuls: Handlungsfähigkeit und Verantwortlichkeit sind immer neu zu erarbeiten: Sie sind Ergebnisse von subjektivierenden, also selbst- bzw. subjektformierenden, Praktiken, individuellen und intersubjektiven (Pritsch S. 477f), wie etwa in dem beschriebenen Frauenfortbildungs-Projekt gemeinsamer Selbstreflexion.

Der Weg über die klassische Subjekt-Konzeption hinaus führt über reflektierte Selbstgestaltung im Bewusstsein der Verwobenheit mit und des Angewiesenseins auf Andere und Anderes (Nichtmenschliches).

Die Anderen, das sind Gesellschaft, Sprache, Signifikante Andere (Bezugspersonen/konkrete Andere) – und die Anderen, von denen sich „Eigenes“ durch Zuschreibungen abhebt, abgrenzt und die es dabei ausgrenzt. Es geht also um Abweisen von Zuschreibungen – und Verzicht auf, Verweigern von (verletzenden) Zuschreibungen an Andere.

Foucault, besonders aber feministische Autorinnen haben klar gemacht, dass selbstformierende Praktiken nur im Bewusstsein von Machtbeziehungen Freiräume schaffen können, ungewisse, eher kleine Freiräume. So könnte ich raten: nicht verzagen – neue Subjektpositionen wagen und austesten!

6. Lebbarkeit und Probleme des vielstimmigen heterogenen Selbst

6.1. Ambivalenz des neuen Modells: Chancen und Überforderungsgefahr

Die postmodernen und poststrukturalistischen Theorien betonen meist polemisch die Heterogenität, Dezentrierung, Fragmentierung und Abhängigkeit des Selbst. Manche, wie Welsch, feiern die Vielfalt. Die damit verbundenen neuen Anforderungen an die Subjekte können die Einzelnen als Befreiung erleben oder als Bedrohung:

Vielfalt und Heterogenität positiv aufzunehmen, hieße, so Helsper (1991), die Selbstkohärenz aufzulösen zugunsten von Selbstdifferenz: Die Vielfalt des Selbst wäre möglichst unreduziert zu leben; das könnte Reichtum und Kreativität der Lebensgestaltung bringen.Vielfalt könnte auch sukzessiv gelebt werden, durch eine berufliche Umorientierung, in einer neuen Beziehung, mit neu gewonnenen Freunden, durch Veränderung des Lebensstils, mit dem Übergang in die Rente. Das Bewusstsein der Abhängigkeit von Anderen und Anderem könnte im besten Fall in politisches und bürgerschaftliches Engagement und ökologisch bewusstes Handeln umgesetzt werden.

Trotz der bestehenden, ja wachsenden Abhängigkeiten haben bei vielen Menschen die Ideale von Autonomie und Individualität bzw. Selbstverwirklichung mit voranschreitenden Individualisierungsprozessen an Bedeutung gewonnen. Sie stehen immer wieder vor Entscheidungen, die sie als „freier“ Akteur ihres Lebens treffen sollen, egal ob ihnen die Vielfalt der angebotenen Möglichkeiten wirklich offensteht, egal wie viel Ressourcen ihnen zur Entscheidungsfindung und zur Realisierung zur Verfügung stehen: Hier spielen die bekannten Dimensionen sozialer Ungleichheit eine entscheidende Rolle, v.a. Bildung (kulturelles Kapital), Einkommen (materielles Kapital), Beziehungs-Netz (soziales Kapital), Zugehörigkeit zu diskriminierten Gruppen (insbes. Ethnie, Behinderung).

Die Realisierung der hohen Ansprüche an Individualität und Autonomie wird durch die vielfachen Abhängigkeiten, durch anonyme Zwänge und ungleich verteilte Ressourcen bedroht.

Es darf nicht übersehen werden, wie viel Handlungsverunsicherung und Gefährdung mit den neuen Anforderungen an die Subjekte verbunden sind: „Das individualisierte, vollends moderne Selbst muß zusehends ohne Rückgriff auf sozial vorgegebene Strukturen Entscheidungen treffen. Letztlich ist der Einzelne auf sein offenes, unsicheres und inkonsistentes Selbst verwiesen.“ (Helsper 1991, S. 77) Das provoziert „Selbstkrisen“.

Das vielfältige, heterogene etc. Selbst ist eine anspruchsvolle Selbstform: Die/der Einzelne/r hätte „in den verschiedensten Formen der Selbstäußerung, kulturellen Praxen, Rationalitätsformen und Intensitätsmöglichkeiten virtuos zu Hause zu sein“ (Helsper S. 90). Diese Formulierung macht deutlich, dass die Realisierungschancen eng mit kulturellem, materiellem und sozialem Kapital verknüpft sind. Das Modell des „gut-desintegrierten“ Menschen (Helsper S. 89) verlangt vom Individuum eine „souveräne Kraft des affirmierend-spielerischen Umgangs mit Desintegration, Vielfältigem, mit seiner Entmächtigung und neuen anonymen sozialen Zwängen“ – für wen ist das keine Überforderung? Die Gefahr des Scheiterns an den hohen Ansprüchen ist jedenfalls groß. In der Konsequenz sind immer wieder „Selbstkrisen“ möglich, ja wahrscheinlich. Ehrenberg (2004) spricht in diesem Zusammenhang vom „erschöpften Selbst“.

Insbesondere wenn frühe lebensgeschichtliche Belastungen bestanden, wenn Probleme in verschiedenen Selbstdimensionen auftreten und wenn soziale Ressourcen zur Selbststabilisierung in institutionellen Lebensräumen und lebensweltlichen Netzwerken fehlen oder knapp sind, sieht Helsper für Jugendliche eine große Gefahr schwerer Selbstkrisen. Regressive Abwehren sind zu erwarten.

Zwar benutzt jede/r Abwehrmechanismen im psychoanalytischen Sinne. Verdrängung, Verleugnung, Spaltung, Projektion und viele andere dienen dazu, ein mehr oder weniger einheitliches und für Über-Ich und Ich akzeptables Selbstbild herzustellen und aufrecht zu erhalten. Aber regressiv werden Abwehren gebraucht, wenn damit tiefe Spaltungen und Projektionen des Negativen auf andere verbunden werden, wie auf „Ausländer“, „Türken“, auf Muslime, Juden, manchmal auch das andere Geschlecht. So geschaffene Feindbilder dienen dazu, eine eindeutige und positive eigene Identität zu schaffen und zu stützen – der klassische Sündenbock-Mechanismus.

Neben solchen destruktiven entstehen auch selbstdestruktive Dynamiken.

Bei Jugendlichen sieht Helsper sie „in Form des Anstiegs von Drogen-und Alkoholproblematik, in Form depressiver Selbstwerteinbrüche und eines Verlusts an kreativer Vielfalt …“ (S. 90). Aber solche Selbstkrisengefahr und destruktive wie selbstdestruktive Dynamiken entstehen keineswegs nur für Jugendliche.

6.2. Integration oder Kooperation?

Viele AutorInnen betonen die Notwendigkeit von Kohärenz zwischen den Subselbsten (inneren Stimmen, Teilen oder Teilidentitäten) für psychische Gesundheit ( Keupp u.a. 1999). Es ist Sache des Individuums, (mehr oder weniger) Kohärenz, ebenso wie die biografische Kontinuität, herzustellen, durch alltägliche Identitätsarbeit. Keupp benutzt dafür auch die Metapher der Herstellung einer Patchworkidentität.

Aber die Notwendigkeit von Kohärenz und Kontinuität ist nicht unbestritten: Wir sahen, dass Martindale, Beahrs, Schulz von Thun ohne ein solches Postulat auskommen; auch die Philosophin und Psychoanalytikerin Jane Flax (1990), die von multipler, kontextbezogener prozessualer Subjektivität spricht, hält eine solche Einheitlichkeit nicht für nötig; die Heterogenität werde nur zeitweilig zu Kohärenz verwoben. Beahrs, Schulz von Thun meinen, dass Integration nicht nötig sei, Kommunikation und Kooperation zwischen den Teilen, wie sie Schulz von Thuns Metapher des „inneren Teams“ anzielt, würden ausreichen. Dem habe ich mich angeschlossen (Bilden 1997, 1998). Flexible Verbindungen der Teil-Selbste würden – neben zeitweiliger Dissoziation – Kommunikation, Austausch, Verhandeln untereinander ermöglichen – und dabei würden sie sich verändern. Das wäre m.E. eine Alternativvorstellung zum rigid-hierarchisch organisierten Ich, zur „Selbstzwangs-Apparatur“ (Elias), welche das moderne Individuum auszeichnet. Allerdings kommt es wohl auf den sozialen Kontext und auch das Individuum selbst an, wie viel Einheitlichkeit/Kohärenz erwartet bzw. ob innere Vielstimmigkeit/Pluralität akzeptiert oder sogar geschätzt wird – und ob sie lebbar ist.

Rivera (2002) folgert aufgrund verschiedener Studien, dass das Ziel der bloßen Kooperation bei Multiplen Persönlichkeiten meist zu Rückfällen führe. Sie schlägt ein verändertes Verständnis von Integration vor, das der poststrukturalistischen Herausforderung an einheitliche Identitätskonzepte entgegenkommt. Es nimmt die „Vorstellung eines lebenslang aus multiplen Positionierungen und Praktiken konstruiertes Selbst“ (S. 343) ein Stück auf: Das therapeutische Ziel der Integration in diesem Sinne meint, dass die Person die dissoziativen Barrieren abbaut und die verschiedenen, manchmal widersprüchlichen Emotionen, Begierden und Sichtweisen, die in in den Alterpersönlichkeiten verkapselt waren, in einem zentralen Bewusstsein halten und mit ihnen umgehen kann. Dabei werden die verschiedenen Positionen, ihre Stimmen und Gesichtspunkte nicht zum Schweigen gebracht, sondern sie können zunehmend zu einer gemeinsamen Erzählung eines „ich“ (statt vieler getrennter Erzählungen) beitragen.

Allgemein formuliert hieße das:

Integration des Selbst aus den multiplen und im Leben sich verändernden Positionierungen und Praktiken herzustellen, heißt für den/de Einzelne, ihre verschiedenen, oft auch widersprüchlichen Emotionen, Begierden und Sichtweisen oder die „Stimmen“, die mit diesen Positionen und Praktiken verbunden sind, im Bewusstsein zu halten und mit ihnen anerkennend umzugehen, so dass sie immer wieder in die Erzählung eines „ich“ eingebunden werden.

Abschließend seien verschiedene Möglichkeiten genannt, ein Minimum an Einheit der Person im Ensemble der Differenzen herzustellen, ohne also die Vielstimmigkeit zum Schweigen zu bringen. Ein Weg ist die Kommunikation zwischen den Teilen oder Seiten: die inneren Stimmen anhören, ihr vielseitiges Potential situationsbezogen erschließen, wie oben angesprochen. Das eigene Unbewusste teilweise zu erschließen und relativ angstfrei die eigenen unkontrollierten Handlungsimpulse anzusehen, setzt allerdings sprachliche Artikulationsfähigkeit und letztlich etwas wie ein „starkes Ich“ im Sinne der Psychoanalyse voraus. Es braucht einen „Vorsitzenden“, der quasi demokratisch die verschiedenen „Stimmen“ zu Wort kommen lässt und zu einem Kompromiss führt, der Handeln ermöglicht.

Die Integration der Differenzen kann gedacht werden auf der Basis des leiblichen In-der-Welt-Seins (Merleau-Ponty ) und des Sich-Bewegens im Raum (real und metaphorisch) (Hermans u.a. 1993), praktisch durch leiblich-körperliche Erfahrung, v.a. in körperlicher Arbeit und Sport. Auch narrativ kann das Heterogene zusammengebracht werden, indem man sich und anderen seine Erfahrungen erzählt, ohne unbedingt einen Sinn des Lebens zu unterstellen (z.B. auch mittels Tagebuch, heute vielleicht in bestimmten Weblogs).

Weitere Bedingungen und Wege seien hier nur angedeutet: Anerkennung durch Andere (sich in den Augen der anderen wieder finden); das Gefühl der Zugehörigkeit, überhaupt die Herstellung von Wir-Bezügen; das Gefühl der Wirksamkeit als handelnde Person (Selbstwirksamkeit), das Wahren der eigenen Grenzen gegen Übergriffe und Zumutungen, aber z.B. auch Meditation. Honneth (1993) hebt Prinzipienorientierung in Verbindung mit dem reflektierten Bezug auf die moralischen Ansprüche der Umwelt (Kontextsensibilität) hervor. Andere (W. Schmidt 1998), Reichenbach (2000) sehen in bewusster Lebens-Führung, in einem selbstgewählten Lebens-Stil (nicht modischem Life-Style!) ein Mittel, Kohärenz alltäglich-andauernd herzustellen.

Anstrengend ist es und erfordert viel Ambiguitätstoleranz, die innere Vielfalt und Heterogenität anzuerkennen, die inneren Stimmen anzuhören und ihre Kooperation zu entwickeln. Es braucht viel Zeit, die sich nur wenige nehmen können. Materielle Ressourcen und Bildung erhöhen die Bewältigungschancen. Große innere Widersprüche individuell zu balancieren, kann überfordern, überlasten, besonders wenn soziale Unterstützung – soziales und kulturelles Netzwerk – fehlt, erst recht unter den Bedingungen von prekären Beschäftigungsverhältnissen, der Angst vor Arbeitslosigkeit, beruflicher Perspektivlosigkeit. Die oft gefeierte Fragmentierung ist, jedenfalls in extremen Formen, mit schwerem Leiden verbunden. Dennoch sollten „fragmentierte Identitäten“ und auch „Identitätsdiffusion“ nicht gleich pathologisiert werden. Was Erikson als Identitätsdiffusion für ein Scheitern der adoleszenten Identitätsentwicklung hielt, nämlich das Sich-Nicht Festlegen, wird heute, jedenfalls bei Jugendlichen, als unter Umständen adaptativ gesehen (Marcia, vgl. Keupp u.a.), weil sie sich für verschiedene Lebensformen und berufliche Optionen offen halten (müssen).

Es bleibt Ziehlkes (2006, 72) Frage, wer unter welchen Bedingungen in der Lage ist und wann es sinnvoll ist, sich als vielstimmige Konstruktion zu verstehen. Sie fordert, die psychische Notwendigkeit der Herstellung von Kohärenz und Kontinuität stärker zu beachten.

6.3. Individuelle und gesellschaftliche Pluralität

Die eigene innere Pluralität anzuerkennen, könnte die Toleranz für Differenz, Ambivalenz und Ambiguität erleichtern, d.h. die Fähigkeit erhöhen, mit unklaren, vieldeutigen oder widersprüchlichen Situationen und mit Differenzen in der Gesellschaft, umzugehen. Denn wenn ich die eigene innere Vielfalt, das Unterschiedliche und Heterogene akzeptiere, wird es leichter, mit Pluralität, mit Differenz, unterschiedlichen Sinnsystemen in der Gesellschaft leben zu können, ohne rigide unterordnen und ausgrenzen zu müssen: Wenn ich in mir mehrere Stimmen und Perspektiven leben lasse, kann ich eher auch andere Menschen auf ihre Weise leben und die Welt interpretieren lassen.

Akzeptierung der eigenen inneren Vielfalt und Heterogenität erleichtert die Anerkennung gesellschaftlicher Pluralität und Heterogenität

7. Autonomie – „durchkreuzt von Kontingenz und Heteronomie“: stark relativiert

Eine Formulierung von Axel Honneth (1993, 157ff) macht sehr anschaulich, wie eingeschränkt die Autonomie des/der Einzelnen stets ist: „von Kontingenz und Heteronomie“ durchkreuzt36. Feministische Diskurse haben die Aufmerksamkeit für Machtbeziehungen, in welche die Subjekte verstrickt sind, geschärft; sie haben den Blick auf allgegenwärtige gegenseitige Abhängigkeiten von Menschen gerichtet (und dabei Ethik der Sorge für sich und andere thematisiert). Meyer-Drawe (1990) spricht von der „Illusion der Autonomie“. Ökologische Diskurse haben klar gemacht, wie abhängig wir von (mehr oder weniger menschen-geformter) Natur in globalen Zusammenhängen sind, dass wir Teil dieser globalen Natur-Kultur-Systeme sind. Bruno Latour (1995) nennt technische, wirtschaftliche u.a. Artefakte sogar „nicht-menschliche Aktanten“, d.h. Quasi-Akteure. Die historischen Artefakte – man denke an Eselspfade oder Straßen, Keilschrifttafeln oder gedruckte Bücher, Holzfeuer oder modernste Haustechnik, Signalfeuer oder Informationstechnologien – bestimmen menschliches Handeln, gesellschaftliche Praxis zu einem beträchtlichen Teil mit.

Wir sind keineswegs nur Subjekte, Akteure unseres Lebens, sondern noch viel mehr Objekte von Entscheidungen anderer (in Politik und Wirtschaft, auch in weit entfernten Ländern), immer abhängiger von vielfältigen Institutionen (z.B. Arbeitslosen- und Rentenversicherung, Vorhandensein und Qualität von Kindergärten, -Horten und Schulen) und von globalen Entwicklungen (Ausbreitung der elektronischen Informations- und Kommunikationstechnologien, Umweltzerstörung, Nord-Süd-Konflikt, Finanzkrise), die von Einzelnen kaum zu beeinflussen sind. Angesichts der Unübersichtlichkeit der globalen Zusammenhänge ist nicht einmal die Illusion des Durchblicks, die das bürgerliche Subjekt hatte, die besonders wir Achtundsechziger hatten, möglich.

Die Vorstellung von individueller Autonomie wird relativiert. Es gilt, das Verwobensein von Subjekten in historische soziale und natürliche Prozesse anzuerkennen.

Beispielhaft für eine bescheidenere Sicht von Subjektivität im Hinblick auf Autonomie möchte ich einen Satz des Philosophen Waldenfels zitieren: Er schlägt vor, „Handlungen und Äußerungen als dosierte Mischungen von Tun, Geschehen und Widerfahrnis, von Eigenem und Fremdem“ zu betrachten (Waldenfels 1990, 55, zit. nach Straub 2007, S. 65).

Eine solche Sicht könnte dem/der Einzelnen nicht nur narzisstische Kränkung bringen, sondern durchaus auch Erleichterung: Befreiung von Schuldgefühlen wegen Versagens, Herunterschrauben von überzogenen Ansprüchen an sich selbst. Aber sie fordert auch vom Individuum – ich zitiere noch einmal Helsper (1991, S. 89) – eine „souveräne Kraft des affirmierend-spielerischen Umgangs mit Desintegration, Vielfältigem, mit seiner Entmächtigung und neuen anonymen sozialen Zwängen“.

8. Plurale Formen von Subjektivität bzw. Selbst

Abschließend möchte ich davor warnen, die vorherrschenden bürgerlich-modernen, aber auch die postmodernen Vorstellungen von Identität bzw. Selbst für allgemeingültig zu halten. Weil jedes individuelle Selbst sich in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt bildet und untrennbar mit seinem sozialen Kontext verwoben ist, können wir davon ausgehen, dass verschiedene Formen des Selbst-Seins (der Identität, der Subjektivität) existieren. Diese entstehen in Abhängigkeit von den Lebensbedingungen; dabei sind besonders diejenigen, entscheidend, in denen jemand aufgewachsen ist. Die Vielfalt der Kulturen und Lebensbedingungen auf der Welt stellen sehr unterschiedliche Voraussetzungen für die Konstitution von Subjektivität dar.

Es ist davon auszugehen, dass es viele verschiedene Formen von Subjektivität bzw. Selbst gibt und immer neue entstehen – auch solche, für die „westliche“ Vorstellungen von Subjektivität nicht passen.

Es existieren und entstehen sicher auch in Mitteleuropa, auch in Deutschland verschiedene Subjektivitätsformen, nennen wir sie vormoderne, moderne und postmoderne, nebeneinander: Eine Gesellschaft wie die deutsche bietet sehr unterschiedliche Lebensbedingungen: nach Schichten oder Milieus, nach Geschlecht, nach Zugehörigkeit zur deutschen Mehrheit oder zu verschiedenen Migrantengruppen, nach „Rasse“ bzw. Hautfarbe usw. In manchen Milieus oder bestimmten Familientypen etwa wachsen Kinder in sehr engen und homogenen Kontaktkreisen (Familie, Nachbarschaft) auf; ihre Interaktionserfahrungen führen wohl zu anderen Formen von Identität/Selbst als die von Kindern, die in einem weit gespannten sozialen Netzwerk groß werden oder in interkulturellen oder transnationalen Kontexten. Stellen Sie sich den Erfahrungshorizonte und Interaktionserfahrungen von Kindern einer sozialhilfeabhängigen Familie in einem städtischen Problemviertel vor oder die von Kindern einer weltoffenen Akademikerfamilie mit internationalen Kontakten oder die von Kindern einer großstädtischen Migrantenfamilie, die lebhaften Kontakt mit ihren Verwandten in einem abgelegenen traditionell-ländlich strukturierten Dorf ihres Heimatlandes pflegen.

Auch Generationen – so nehme ich an – bilden in ihrer jeweiligen historischen Aufwachsens-Situation nicht die gleichen Formen von Selbst aus wie frühere, insbesondere wenn epochale Veränderungen wie die Umwälzungen durch die Informationstechnologie und der gewaltige Globalisierungsschub der letzten Jahrzehnte um die Jahrtausendwende den Kindern und Jugendlichen ganz neue Erfahrungen bieten und ihnen neue Wahrnehmungsformen abverlangen, andere als ihren Eltern oder gar ihren Großeltern, die nicht einmal mit dem Fernsehen aufgewachsen sind.

Mancherorts auf dem Land, in ländlichen Kirchengemeinden, in manchen Stadtteilen scheint nichts Postmodernes in Sicht – zumindest oberflächlich: Es scheint noch halbwegs bestehende soziale Zusammenhänge und lokale Rituale zu geben (die Feuerwehr und der Schützenverein, das Pfarrfest…). Streben nach Sicherheit und Eindeutigkeit, Perfektionismus und Ordnung, auch schöne Oberflächen von Häusern und Menschen erzeugen ein solches Bild. Aber allein der Blick auf die Vielfalt des Zeitschriften-Angebots in einem Supermarkt auf dem Land zeigt die Diversifizierung und Spezialisierung der Interessen, der verschiedenen Welten, in denen Nachbarn im Dorf wenigstens einen Teil ihrer Zeit verbringen: eine Ahnung davon, wie viel die manchmal noch recht traditionelle alltäglich-dörfliche Oberfläche verbirgt.


Der Streit, ob neue Theorien der Subjektivität nötig sind (Keupp/Hohl 2006b), ist meines Erachtens in dieser Allgemeinheit sinnlos. Wenn Menschen aus den verschiedensten Kulturen nach Europa oder den USA migrieren, wenn Waren, Diskurse und kulturelle Bilder über den Erdball wandern, wenn für manche Menschen viele ihrer sozialen Kontakte nicht mehr leiblich-unmittelbar, sondern „virtuell“, d.h. medienvermittelt stattfinden, wenn junge Menschen unter solchen Bedingungen aufwachsen, dann ändert sich etwas in der Konstitution von Subjektivität. Das gilt jedenfalls für ganz viele Menschen, an den verschiedensten Orten der Welt, in den verschiedensten Kulturen, wenn auch kaum Allgemeines dazu zu sagen möglich ist – außer dass Vielstimmigkeit und Heterogenität zunehmen.


Zum Abschluss noch ein Satz zum Eurozentrismus auch meines Artikels, den Sie gerade gelesen haben: Er bewegt sich innerhalb des „westlichen“, auf das Individuum bezogenen, Vorstellungshorizonts von Subjektivität, welcher – in der Regel ohne Reflexion seiner sozialen Verortung – mit Wirtschaft und Wissenschaft in der ganzen Welt verbreitet wird.

Ich erinnere hier noch einmal daran, dass es wichtig ist, offen zu sein für verschiedene Formen von Subjektivität, auch solchen, die möglicherweise auf anderen kulturellen Prämissen beruhen, und sie in ihrer Gebundenheit an soziale Orte zu verstehen.

Literatur

Antonovsky, Aron (1998): Salutogenese – Zur Entmystifizierung der Gesundheit.Tübingen

Bathia, Sunil/Ram, A. (2001: Locating the dialogical self in the age of transnational migrations, border crossings and diasporas. In: Culture and Psychology, 7, S. 297-309

Beahrs, John O. (1982): Unity and multiplicity. New York

Bilden, Helga (1989): Zur Produktion von Subjektivität im Geschlechterverhältnis: Frauenforschung und Psychologie. Unveröff. Mskr.

Bilden, Helga (1997): Das Individuum – ein dynamisches System vielfältiger Selbste. Zur Pluralität in Individuum und Gesellschaft. In: Keupp/ Höfer (Hg.): S. 227-250

Bilden, Helga (1998): Jenseits des Identitätsdenkens. In: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis. 30 (!9, S. 5-31

Bilden, Helga (1991): Geschlechtsspezifische Sozialisation. In: Neues Handbuch der Sozialisationsforschung, hg. von Klaus Hurrelmann & Dieter Ulich. Weinheim, S. 279-301

Bilden, Helga (1999):Geschlechtsidentitäten. Angstvolles oder lustvolles Ende der Eindeutigkeit? Vortrag an der FU Berlin Mai 1999, hrsg. von der Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung an der FU Berlin. Berlin 1999

Bilden, Helga ( 2007): Das vielstimmige heterogene Selbst. In: Frankenberger, Rolf u.a. (Hg.): Politische Psychologie und politische Bildung. Schwalbach/Ts., S. 95-113

Braun, Christina von/Dietze Gabriele (Hg.) (1999): Multiple Persönlichkeit. Krankheit, Medium oder Metapher? Frankfurt am Main

Brockhaus, Gudrun (1994): Vom Nutzen psychoanalytischen Vorgehens in der Sozialpsychologie. In: Heiner Keupp (Hg.): Zugänge zum Subjekt. Perspektiven einer reflexiven Sozialpsychologie. Frankfurt a. M, S. 54-96

Castells, Manuel (2001ff.): Die Informationsgesellschaft. 3 Bde. Opladen

Ehrenberg, Alain (2004): Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt

Flax, Jane (1990): Thinking fragments. Berkeley, CA

Castro Varela, Maria do Mar/Dhawan, Nikita (2005): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld

Deistler, Imke/Vogler, Angelika (2005): Einführung in die dissoziative Identitätsstörung: Multiple Persönlichkeit. Paderborn

Frauenfortbildungsgruppe Tübingen (Hg.) (1995): „und daß eine anders ist und wie sie anders ist“. Frauenbildung als Kontroverse. Tübingen

Foucault, Michel (2004): Hermeneutik des Subjekts. Vorlesung am College de France (1981/82). Frankfurt

Garcia-Montes, José/ Caballero-Munoz, Domingo/Pérez-Alvarez, Marino (2006), Changes of the self resulting from the use of mobile phones. Media, Culture and Soc. 28 (1), 67-82

Gergen, Kenneth J., (1994): Realities and relationships. Soundings in social construction. London u.a.

Gros, Frédéric (2004): Situierung der Vorlesungen. In: Foucault, Michel, Hermeneutik des Subjekts, S. 616-668

Hall, Stuart (1996): Introduction: Who needs identity? In: Stuart Hall & Paul du Gay (Eds.): Questions of cultural identity. London, S. 1-17

Held, Tilo (1999): Multiple Persönlichkeitsstörung – ein psychiatriepolitisches Konstrukt? In.: Braun/Dietze (Hg.), S. 18-31

Helsper, Werner (1989): Selbstkrisen und Individuationsprozess. Opladen

Helsper, Werner (1991): Das imaginäre Selbst der Adoleszenz: Der Jugendliche zwischen Subjektentfaltung und dem Ende des Subjekts. In: Ders. (Hg.): Jugend zwischen Moderne und Postmoderne. Opladen, 73-94

Hermans, Hubert J. (2001: The dialogical self: Toward a theory of personal and cultural positioning. In: Culture & Psychology, 7 (3), S. 243-281

Hermans, Hubert J., u.a. ((1992: The dialogical self. In: American Psychologist, 47, S. 23-33

Hesse, Uwe Peter (2000): Teilearbeit. Konzepte von Multiplizität in ausgewiesenen Bereichen moderner Psychotherapie

Honneth, Axel (1993), Dezentrierte Autonomie. Moralphilosophische Konsequenzen aus der modernen Subjektkritik. In: Christoph Menke/Martin Seel, (Hg.): Zur Verteidigung der Vernunft gegen ihre Liebhaber und Verächter. Frankfurt a. M., S. 149-163

Katz, James (ed. )(2004): Machines that become Us. The social context of personal communication technology. New Brunswick, London

Keupp, Heiner/Höfer, Renate (Hg.) (1997): Identitätsarbeit heute. Frankfurt

Keupp, Heiner, u.a. (1999): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek b. Hamburg

Keupp, Heiner/Hohl, Joachim (Hg.)(2006a): Subjektdiskurse im gesellschaftlichen Wandel. Zur Theorie des Subjekts in der Spätmoderne. Bielefeld

Keupp, Heiner/Hohl, Joachim (2006b): Einleitung. In: Dies. (Hg.)(2006a): S. 7-28

Lantermann, Ernst-Dieter, Döring-Seipel, Elke, Gerhold, Lars (2009): Selbstsorge in unsicheren Zeiten. Resignieren oder gestalten. München, Weinheim

Latour, Bruno (1995), Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Berlin

Ling, R /Yuri,B. (2002): Hypercoordination via mobile phones in Norway. In: J. Katz/M. Aakhus (eds.), Perpetual contact: Mobile communication, private talk, public performance. Cambridge, S. 139-169

Meyer-Drawe, Käte (1990): Illusionen von Autonomie. München

Nagl-Docekal, Herta/Vetter, Helmut (Hg.) (1987): Tod des Subjekts. Wien, München

Pile, Steve/Thrift, Nigel (1995): Mapping the subject. Geographies of cultural transformations. London

Pritsch, Sylvia (2008): Rhetorik des Subjekts. Zur textuellen Konstruktion des Subjekts in feministischen und anderen postmodernen Diskursen. Bielefeld.

Reckwitz, Andreas (2008): Subjekt. Bielefeld

Reichenbach, Roland (2000): Die Tiefe der Oberfläche. Michel Foucault zur Selbstsorge und über die Ethik der Transformation. In. Viertelsjahreshefte für Wissenschaftliche Pädagogik vol 76 (2), S. 177-189

(www.egora.uni-muenster.de/ew/persoenlich/reichenbach/selbst.pdf (28.12.2008, 20h)

Rivera, Margo (2002): Linking the psychological and the social: Feminism, poststructuralism and multiple personality. In: Dimen, Muriel/Goldner, Virginia (eds.), Gender in psychoanalytic space: Between clinic and culture. New York , S. 331-351

Schwartz, Richard C. (1997: Systemische Therapie und die innere Familie. München

Schulz von Thun, Friedemann (2000): Miteinander reden 3. Das „innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Reinbek b. Hamburg

Straub, Jürgen/Sichler, Ralph/Ziehlke, Barbara (2006): Editorial: Aspekte des kulturellen Selbst. In: Journal für Psychologie, 14. Jg., Heft 1, S. 1-11

Straub, Jürgen (2006): Differenzierungen der psychologischen Handlungstheorie. Dezentrierung des reflexiven, autonomen Subjekts. In: Keupp/Hohl (Hg.)(2006a), S. 51-74

Teusch, Ulrich (2004): Was ist Globalisierung? Ein Überblick. Darmstadt

Turkle, Sherry (1998): Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet. Reinbek

Uphoff, Hanko (2004): Foucault und die Rückkehr des Subjekts. In: Novo No. 73/74

www.novo-magazin.de/73/novo7366.htm (7.8.2008, 17h)

Waldenfels, Bernhard (1990): Dialog und Diskurse. In: Ders.: Der Stachel des Fremden. Suhrkamp, S. 43-56

Welsch, Wolfgang (Hg.) (1988): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne- Diskussion. Weinheim

Welsch, Wolfgang (1993): ICH ist ein anderer. Auf dem Weg zum pluralen Subjekt? In: Dieter Reigber (Hg.): Frauen-Welten. Marketing in der postmodernen Gesellschaft – ein transdisziplinärer Forschungsansatz. Düsseldorf, S. 282-319

Ziehlke, Barbara (2006): Das „dialogische Selbst“: Interkulturelle Kommunikation in der Person? In: Journal für Psychologie, 14. Jg. (1), S. 50-75

Anmerkungen:

1 Leider entgingen mir die Veröffentlichungen von Werner Helsper 1989, 1991, die philosophisches und historisch-sozialwissenschaftliches Denken über Subjektivitätsformen zu verbinden suchten.
2 Der schwammige Begriff der Postmoderne ist kaum zu definieren. Nach Pritsch (2007, S. 67) dient ‚Postmoderne’ als „Benennung für einen in der westlich-akademischen Welt aktuell als ein im Wandel befindlichen, als unsicher empfundenen Zustand in Kunst, Kultur und Wissenschaft“. Zeitlicher Bezugspunkt von „Postmoderne“ für Subjektdiskussionen ist Ende der 1960er Jahre bis frühes 21. Jahrhundert.
3 Poststrukturalismus: Ausgehend von der strukturalistischen Linguistik, die mit dem Namen Ferdinand de Saussures verbunden ist, entstand die basale Prämisse der Semiotik: Realität wird erst durch die Repräsentation, durch sprachliche Symbolisierung, wissbar. Sprache als Kette von Zeichen ist ein abstraktes System. Dessen Struktur reflektiert nicht eine vorgegebene Realität, sondern sie konstituiert/schafft erst die soziale Realität, auch die Subjekte selbst. Poststrukturalistisch werden sehr verschiedene philosophische Positionen genannt wie die Derrida, Foucault, die französischen Lacan-Schülerinnen Irigaray, Cixous und Kristeva; aber auch Butler gehört in dieses Umfeld. Sie alle kritisieren die abendländische Vorstellung von Humanismus: das autonome, kohärente, rationale Individuum, dass Autor seiner Taten und Bedeutungen ist. Sie sehen das Subjekt in sozialen Kräftefeldern, insbesondere über Sprache konstituiert.
Rivera (2002), eine kanadische Psychiatrie-Professorin, betont als Hintergrund des Poststrukturalismus/dieser philosophischen Positionen auch die physikalische Quantentheorie, die den klassischen Determinismus der Newtonschen Physik durch die relative Unbestimmtheit, den Zufallscharakter (die Kontingenz) von Naturprozessen ersetzt, so dass Wissen nur in Form von Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich ist. Auch die Heisenbegsche Unschärferelation sei in diesem Zusammenhang zu sehen.
4 „Androzentrisch“: von aner, andros (griech.), der Mann. Tatsächlich entsprach dieser Subjektentwurf am ehesten dem Selbstbild des männlichen Unternehmers des 19. Jahrhunderts.
5 Postkoloniale Theorie: AutorInnen aus ehemaligen Kolonien (wie Bhabha, Spivak, Trinh u.a.) unterzogen das herrschende Denken scharfer Kritik. Überblick bei Castro/Dhawan 2005.
6 Vgl. Reckwitz 2008, Pritsch 2008
7 Abhängigkeit vom Sprachlich-Symbolischen (Lacan), „der sprachlichen Bewegung der différance (Derrida) oder des (subjektivierenden) Diskurses“ (Pritsch S.162).
8 Pritsch S. 165, indem sie Pile & Thrift 1995 referiert.
9 Pile/Thrift 1995, S.39f, zitiert von Pritsch S. 165
10 Daher auch die Vermeidung des Subjektbegriffs bei vielen AutorInnen, die Beschränkung auf die Rede von „Subjektivität“, um den Substanzkonnotationen entgegen zu wirken.
11 Individualisierung als soziologischer Begriff (Beck 1986, s.a. Junge 2002) ist zu unterscheiden von dem älteren psychologischen Begriff der „Individuierung“, welcher Ausbildung des psychischen Potentials des Individuums zur autonomem Lebensführung meint.
12 Funktionale Differenzierung meint die fortschreitende Arbeitsteilung und Differenzierung in immer mehr getrennte Bereiche und „soziale Welten“, die nach mehr oder weniger unterschiedlichen Prinzipien funktionieren, etwa Beruf, Familie, Freizeitsport, zwischen denen der/die einzelne sich hin und her bewegt, oder auch unterschiedlichste Milieus und „Parallelwelten“, ob von Internetbegeisterten, Punks oder MigrantInnen.
13 Ich rede im Folgenden schwerpunktmäßig mit Blick auf Mittel- und Westeuropa und Nordamerika.
14 Zur Wahl als entscheidende Frage der „Lebenskunst“ s. Wilhelm Schmidt 1998, S.188ff.
15 Neue Konzepte von Subjektivität, oft unter der Überschrift „Identität“ oder „Selbst“, wie „Collagen-Selbst“ oder „Patchwork-Identität“ sollten Veränderungen, die längst im Gange sind, begrifflich fassen. Es fanden sich Diagnosen wie: Der rigide „innengeleitete Charakter“ weicht einer „narzißtisch-selbstbezogenen Subjektformation“ (Helsper 1991, S.76), dem „hedonistisch-sensiblen offeneren‚ schwachen Selbst’“ (S. 75), oder es wird durch neue hedonistische Selbstanteile ergänzt, wie es Ende der 1980er Jahre vielfach diskutiert wurde.
16  Der Begriff „konstituieren“/„Konstitution“ aus der Kritischen Theorie (Horkheimer, Adorno) ist schwer übersetzbar. Ich versuche eine Annäherung: Konstitution meint den Prozess des Entstehens (hier von Subjektivität) aus dem gesellschaftlichen Prozess, wobei die Form des Entstehenden durch eben diesen Prozess bestimmt wird. Von „Konstruktion“ (sozialer Konstruktion von Wirklichkeit, auch des Selbst) ist die Rede in derzeit gängigen konstruktivistisch-theoretischen Perspektiven, welche meist symbolische Prozesse fokussieren.
17 Pritsch 2008, S. 164f bezieht sich auf Pile/Thrift 1995:
Körper meine Grundlage, Oberfläche, Ursprung und Effekt von Bedeutungen und Handlungen.
Selbst werde zwischen apriorischer Bestimmung nach Kant und Selbstschöpfung nach Foucault bestimmt.
Person sei überholt, da eine westliche kulturelle Vorstellung.
Identität werde besonders wichtig, aber „mehrstimmig“ bis hybrid verstanden im Postkolonialen Diskurs, mit mobilen Weg-Metaphern (statt fixer Wurzel-Metaphern).
18 Braun/Dietze 1999, Hacking 2001, therapeutisch: Deistler/Vogler 2005.
19 Vgl. Anm. 3.
20 Zum Überblick s. Journal für Psychologie 14. Jg., 2006 (1) Heftthema „Aspekte des kulturellen Selbst“
21 Das Konzept wurde wie so viele entwickelt mit Bezug auf amerikanische und mitteleuropäische Frauen.
22 Ich habe Zweifel daran, dass es nur um einen Typ geht, der in gleicher Weise anwendbar ist auf den Siemens-Manager, der mal München, mal in New York, mal in Hongkong in dominanter Position arbeitet, wie auf Menschen, die aus dem Irak, der Türkei oder Angola, deren städtischen oder deren ländlichen Teilen, nach Deutschland migrieren und dort in untergeordneter Position leben und arbeiten.
23 Konstruktivistische Sichtweisen entstehen derzeit auch in der Psychoanalyse bzw. werden auch aus älteren psychoanalytischen Texten herausgelesen; oder diese werden entsprechend uminterpretiert (Hobl 2009).
24 „Adaptativ“ meint „angepasst“ im Sinne einer angemessenen, erfolgreichen Umgangsweise mit Lebensbedingungen.
25 In diesem Zusammenhang würde man heute von „Subjektpositionen“ sprechen.
26 Bruno Latour (1995) würde hier von „Aktanten“, d.h. nicht-menschlichen Quasi-Akteuren, sprechen.
27 Schon Mitte der 1990er Jahre hatte Sherry Turkle (1998, Orig. 1995) aufgrund ihrer Untersuchung von MUD-Spielern (MUDs waren damals eine sehr beliebte spezielle Form von Rollenspielen im Internet) die These aufgestellt, dass das Internet bzw. das Agieren in verschiedenen Computer-Fenstern (windows) die Entstehung postmoderner Identitäten (multipel, heterogen usw.) fördere.
28 In den 1970er Jahren hatte Foucault (nach Pritsch 2008) eine Aufeinanderfolge von Organisationssystemen des Wissens unterstellt und auf eine posthumanistische (nicht: posthumane!) Ordnung gehofft. In den 1980er Jahren, nach dem Verlust dieser Hoffnung, richtete er seinen Blick auf historische Subjektivierungstechniken, durch die sich die Subjekte selbst konstituieren.
Foucaults letzte Vorlesungen waren der „Hermeneutik des Subjekts“ gewidmet, der „Selbstsorge“, den historischen Subjektivierungspraktiken. Es geht ihm (nach Gros 2004, S. 642) um die „Bedingungen und die unbegrenzten Verwandlungsmöglichkeiten des Subjekts“, d.h. um Subjektkonstitution durch historische bestimmte Selbsttechniken, die ein bestimmtes Selbstverhältnis konstituieren.
29 Foucaults Sprache über Selbstsorge changiert: Die Beziehung zu sich selbst bringt Lust (wenn auch nicht im Sinne des narzisstisch-hedonistischen Kults um das Selbst), sie beinhaltet Wachsamkeit, Misstrauen gegenüber sich selbst, sich nicht von seinen Lüsten und Schmerzen vereinnahmen lassen, Kontrolle über seine Vorstellungen haben. Das erfordert vor allem auch Distanz: Abstand von den Tätigkeiten nehmen, sich nicht mit Ämtern und Rollen identifizieren, ohne sie aufzugeben, wachsam sich als rationales und moralisch verantwortliches Handlungssubjekt auf die Ereignisse des Lebens vorzubereiten. Wie Sokrates dem Alkibiades rät: Es bedarf der Arbeit an sich selbst, um ethisch verantwortlich politisch wirksam werden zu können. Selbstsorge, mit Distanz, reguliert das Handeln, macht unabhängig von Besitz, Ämtern und Rollen. Aus der Arbeit an sich selbst entsteht die Befähigung, am rechten Ort, zur rechten Zeit angemessen zu handeln: im Privaten, wie politisch, wirtschaftlich, als Weltbürger.
Foucaults Sprache im Reden über die neue Gouvernementalität der ethischen Distanz – „Ethik der Selbstbeherrschung“, „Selbstbemeisterung“, „Sieg über sich“, „Selbstüberlegenheit“, die häufige Rede von „Kontrolle“, die Betonung des rationalen Handlungssubjekts weckt allerdings mein Misstrauen: Das alles erinnert mich allzu sehr an die „Besatzungsmacht in uns“ (Brockhaus 1997), die Hereinnahme von Herrschaft als Überich, welche die Psychoanalyse, insbesondere in der kritischen Theorie Adornos und Horkheimers, herausarbeitete. Und die alte Feministin, die ich bin, moniert, das habe einen androzenrischen ‚Schlag’, wie es Carol Gilligan oder Jessica Benjamin bei klassischen psychologischen Theorien kritisieren. Mir fehlt Mitgefühl, überhaupt Gefühle, Nähe, Einstimmung auf andere, aber auch auf sich selbst, überhaupt „Mütterliches“, Haltendes (statt ausschließlich Bemeisterndes, Kontrollierendes, Distanz). Das fehlt mir jedenfalls bei Foucaults (2004) Äußerungen zur Selbstsorge radikal, obwohl von Selbst-Beziehung die Rede ist. Die oben genannten „positiven Gebote“ der Antike haben mehr Freundlichkeit, Nähe, Sorge im „mütterlichen“ Sinne transportiert als die stoischen Übungen der Selbstbeherrschung usw., der „väterlichen“ Strenge des Misstrauens gegen, der (Sohnes-)Furcht vor sich selbst und als die Ausführungen zum Selbstgouvernement.
Insofern möchte ich betonen, dass Selbstsorge um „mütterlich“- für sich selbst sorgende Elemente und den sorgenden, verantwortlichen Bezug auf andere Menschen ergänzt gedacht werden muss.
30 In einem meiner Sozialisationsartikel (Bilden 1991) habe ich den viel anspruchsloser, nicht unbedingt reflexiv gedachten Begriff der „Selbstbildung in sozialen Praktiken“ benutzt. Das meint schlicht: In meiner Lebenspraxis, die Teil der historisch-sozialen Praxis des Kontexts, in dem ich lebe, ist, bilde und forme ich mich durch mein Tun (oder auch Nichttun). Das meiste davon geschieht weit jenseits bewusster, intentionaler Selbstsorge als Selbstbildung im Foucault’schen Sinne.
31 Mein 1999 geschriebenes Papier zu Geschlechtsidentitäten ist Teil dieser Strategie.
32 „Projekt: Frauenfortbildung in der Sozialen Arbeit! (Tübingen 1989-1992), s. Frauenfortbildungsgruppe Tübingen 1995
33 Maurer unterscheidet: das (bürgerliche) Subjekt der Erkenntnis und des Gesellschaftsvertrags; das (kollektive) Subjekt der Geschichte, das (individuelle) Subjekt seiner (gesellschaftlich vermittelten) Biographie.
34 Hanko Uphoff (2004): „Die Subjektkategorie ist unverzichtbar, wenn wir Ideen wie Gerechtigkeit und Freiheit mit Leben füllen wollen, denn diese Ideen haben keinen Ort, wenn sie nicht im Menschen Ereignis werden“
35 Derridas Anliegen, das „Unmögliche offen zu halten“ (Pritsch 2008, S. 162)
36 Unter „Kontingenz“ können wir uns dabei die (lebens)geschichtlichen „Zufälle“ vorstellen, z.B. ein zerstörerisches Erdbeben oder Kindheit im Krieg oder Berufseinstieg in einer Zeit der wirtschaftlichen Expansion oder der Krise; unter „Heteronomie“ etwa gesellschaftliche Diskurse, den Aufforderungscharakter von Situationen oder normative Vorgaben.
NachOben-Button Zurück-Button Weiter-Button Kontakt-Button
impressum