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Feministische Wissenschaft und Geschlechterforschung
Erkenntnisinteressen, Vielfalt/Pluralität und Desiderata

Stand Juni 2006

Statt eines Abstracts: Zur (nachträglichen) Situierung dieses Textes:

Dies ist meine für knappsten Raum in den „Genderstudien“ 2006/2007, d.h. in dem Semesterprogramm der Ludwig-Maximilians-Universität München, geschriebene Positionierung zu feministischer Wissenschaft und Geschlechterforschung. Der Hintergrund ist die „Neutralisierung“ und Entpolitisierung, die mit der wissenschaftlichen Etablierung dessen, was jetzt Geschlechterforschung heißt, einherging, und damit verbunden auch der Verlust des Bewusstseins von der Geschichte feministischer Forschung. Dem will dieser Text etwas entgegensetzen. Seine extreme Verdichtung dürfte für Nicht-InsiderInnen das Verständnis nicht gerade erleichtern, tut mir leid.

Als eine der Mitbegründerinnen von Frauenforschung in Deutschland (wie sich die feministische Forschung hierzulande nannte) möchte ich meine Sicht der Geschichte und meine Einschätzung der Erkenntnisinteressen, der Vielfalt wie auch der derzeitigen Desiderata von Geschlechterforschung skizzieren. Ich spreche schwerpunktmäßig von feministischer Theorie, d.h. v.a. von der gesellschaftstheoretischen Analyse der Geschlechterverhältnisse bzw. von Wissenschaftstheorie (Philosophy of Science) unter dem Blickwinkel der Kritik der Geschlechterverhältnisse. Da kenne ich mich am besten aus, und da verorte ich mich. Ich erlaube mir daher im folgenden, statt von Geschlechterforschung / Gender Studien oder Frauenforschung meistens von feministischer Wissenschaft zu sprechen. Und ich habe, wie schon zu Beginn dieser Art kritischer Forschung, weiterhin keine Lust, mich an Disziplin-Grenzen zu halten.

Erkenntnisinteressen

Frauenforschung / feministische Forschung entstand als Kritik an den Hierarchisierungen des Geschlechterverhältnisses aus der Frauenbewegung als sozialer Bewegung. Damit war und ist ihr zumindest langfristiges Ziel, einen wissenschaftlichen Beitrag zum Abbau der Geschlechterhierarchie oder – in neuerer Formulierung – zu nichthierarchischen Neukonstruktionen von gender (de Lauretis) zu leisten. Dekonstruktion von Geschlecht meint, die wertgeladene Dichotomie zunächst zu verstehen und ihre Genese nachzuzeichnen , um sie ggf. in eine Vielzahl von Differenzen aufzulösen.

Teile der Geschlechterforschung, wie es heute „geschlechtsneutral“ und Frauen- wie Männerforschung übergreifend heißt, erforschen inzwischen (scheinbar) neutral die Reproduktion wie die Auswirkungen der Geschlechterdifferenz. Sie haben sich von dem Ziel der Geschlechterdemokratie abgekoppelt und die „wissenschaftliche Wertfreiheit“ auf die Fahnen geschrieben, die bekanntlich nur das Bestehende bzw. die gesellschaftlich dominante Sichtweise für wertfrei hält und den Ist-Zustand beschreibt und analysiert. Damit sind sie erfolgreich im Mainstream eingegliedert oder haben jedenfalls gute Chancen es zu werden..

In den Anfangszeiten übten feministische Wissenschaftlerinnen harsche Kritik am „Sexismus“ oder der „Misogynie“ der Wissenschaften; später hieß es elaborierter: „Androzentrismus“. Feministische Wissenschaftskritik untersucht/e die Methoden und die politische Verankerung von Wissenschaft. Heute lesen sich die meisten Texte wesentlich zurückhaltender in der Sprache, mehr am üblichen Wissenschaftsduktus orientiert. Dennoch bleibt das Ziel „Geschlechterdemokratie“ für mich wie für viele, die sich Feministinnen nennen oder auch sich nicht so benennen, Wert-Hintergrund und politischer Impetus ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Warum auch nicht? Schließlich arbeiten große Teile der Naturwissenschaften, der Technikwissenschaften oder Wirtschaftswissenschaften an Fragen, die für die Wirtschaft von Interesse sind, und daher nicht wertfrei sein können, wie z.B. kostengünstige Gestaltung von Produktionsprozessen.

Da feministische Wissenschaftskritik daran beteiligt war, aufzudecken, dass ‚wertneutrale’ Forschung nicht möglich ist, stellt sich die Frage: Warum sollte ein Erkenntnisinteresse, das sich auf die Gestaltung von Geschlechterdemokratie richtet, für Geschlechterforschung degoutant sein? (Schließlich steht in der Politikwissenschaft auch Demokratie als Wert mindestens im Hintergrund – oder etwa nicht?)

Seit dem „Werturteilsstreit“ in der deutschen Soziologie ist im Gefolge der Kritischen Theorie der Gesellschaft (der „Frankfurter Schule“) klar, dass Interessen und basale Wertvorstellungen bzw. normative Alltagsvorstellungen unvermeidlich in die Wissenschaft eingehen. Poststrukturalistisches (dekonstruktives) Denken hat sich in den letzten Jahrzehnten die Hinterfragung der fundamentalen Annahmen und Ordnungsvorstellungen, die allem Wissen zugrunde liegen, zur Aufgabe gemacht. Auch in Bezug auf Geschlecht / gender gilt das nicht nur für die Sozial- und Humanwissenschaften, sondern auch für Naturwissenschaften, und dort ganz besonders die Biologie, wo Geschlechterstereotype (der aktiv-aggressive Mann – die passive Frau) die Erforschung der Primaten, evolutionsbiologische Theorien oder die Beschreibung von Samen- und Eizellen bestimmt haben. Genau das besagt die Androzentrismuskritik feministischer Wissenschaft. Diese hat, wie früher schon die materialistische Kritik, die Standpunktabhängigkeit, die Perspektivität der Generierung von Wissen herausgearbeitet. (Ich will hier nicht auf die frühen Behauptungen eingehen, dass Wissenschaft „von unten“ besseres, umfassenderes Wissen hervorbringen, s. dazu Nagl-Docekal 2001).

Die Konsequenz für kritische Wissenschaft ist, dass die ForscherInnen ihre Überzeugungen und Wertvorstellungen, ihre Erkenntnisinteressen, das ‚Um-zu’ ihrer Forschung möglichst weitgehend offen legen. Auch in den Naturwissenschaften arbeiten feministische Forscherinnen explizit mit Werten wie demokratisierende Wissenschaft und gegenüber Menschen und Natur verantwortliche Forschung (Schiebinger 2003). Diese Offenlegung ist nicht als „politisches Bekenntnis“ zu werten, sondern als das Transparentmachen des geschlechterdemokratie-orientierten, hierarchiekritischen Erkenntnisinteresses feministischer Forschung – das erleichtert die Einschätzung der Ergebnisse und die Kritik.

Die Selbstreflexivität feministischer Wissenschaft ist faszinierend, meiner Einschätzung nach im Wissenschaftsspektrum einmalig: Immer wieder überprüft sie ihre Begriffe, Theorien und Annahmen und bedenkt die Auswirkungen ihrer Forschungen (z.B. der sex-gender-Trennung); das treibt ihre Innovativität an.

Feministische Kritik zielte anfangs auf Transformation aller gesellschaftlichen Institutionen, also auch der Wissenschaft. Je nach Ausrichtung der AutorInnen sollte es um Korrekturen oder eine ganze feministische Neuorientierung gehen. Kritik war immer schon das Ferment der Weiterentwicklung von Wissenschaft. Heute halten relativ wenige Feministinnen – ich sehe im Moment besonders Philosophinnen – an dem Anspruch fest, die Grundlagen der Wissenschaft oder auch der Einzelwissenschaft müssten aus feministischer Perspektive kritisch revidiert werden, z.B. die Naturwissenschaftshistorikerin Schiebinger: „Doing science as a feminist means mainstreaming politically engaged gender analysis into all aspects of science – its institutions, theories, practices, priorities, and policies“ (2003, S. 862).

Nicht nur die ganz fundamentale feministische Kritik, die sich v.a. auf wissenschafts- und erkenntnistheoretische Prämissen richtet/e (zentral: die Kritik am Objektivitätsbegriff), sondern oft auch die stärker immanenten, eher deskriptiven Beiträge wurden und werden allerdings vom Mainstream der Wissenschaften mit dem Argument „politisch – wertgeladen – unwissenschaftlich“ abgetan bzw. einfach ignoriert; in den Naturwissenschaften war das die Regel. Für die Evolutionsbiologie konstatiert z.B. Gowaty (2003) vorsichtig, durch die feministische Kritik seit 30 Jahren seien Veränderungen angestoßen worden, aber es sei noch viel zu tun. In der Primatologie haben Forscherinnen mit neuen Perspektiven auf unsere nächsten Verwandten Ergebnisse hervorgebracht, deren revolutionärer Charakter jedoch vom Mainstream noch kaum anerkannt wird. Die amerikanische Literaturwissenschaft nahm das feministische Anliegen auf, während die deutsche sie lange erfolgreich ignorierte. Die deutsche Psychologie hält diese Ignoranz immer noch weitgehend aufrecht.

Die Integration von Geschlechterforschung / Gender Studien in wissenschaftliche Disziplinen, soweit erfolgt, ging weitgehend mit der Ghettoisierung (z.B. der Verwandlung in eine Bindestrich-Soziologie) einher, von der sich andere Bereiche und die Grundlagenwissenschaft (z.B. die allgemeine Soziologie,) nicht tangiert fühlen. Damit war de facto der Transformationsanspruch abgeschmettert.

Aus der auf gender/Geschlecht gerichteten (feministischen) Forschung ist eine fundamentale Perspektive entstanden: Die theoretischen wie die methodologischen Grundlagen von Geistes-/Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften werden auf die Verflechtung der zugrunde liegenden Annahmen mit dem Geschlechterverhältnis (oder der Geschlechterdifferenz) wie auch anderen Machtverhältnissen befragt. Viele feministische Theoretikerinnen, so z.B. auch Butler, gehen heute über das Gebiet der Gender Studies hinaus und wenden sich mit durch feministisch-analytisches Denken geschultem Blick „allgemeinen“ Themen zu. Es geht um erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fragen, aus denen sich tiefreichende Konsequenzen für die Wissenschaften, auch die Naturwissenschaften, ergeben – die allerdings von diesen meist noch erfolgreich ignoriert werden. Ich möchte nur auf das besonders anspruchsvolle Projekt von Barad (2003 ) verweisen: Sie entwirft mit Rekurs auf feministische und Queer Studien, Butler, Foucault, Niels Bohr eine „performative Metaphysik“, in der sie mit ihrem Konzept materiell-diskursiver Praktiken (nicht an menschliche Aktivität gebundener Praktiken), welche die Welt immer neu konfigurieren, die Grenzen von Diskursivem und Materiellem aufheben will – aber auch ganz schlicht wissenschaftliche Praktiken kritisch untersucht.

Das klingt jetzt so, als gäbe es eine Disziplin, die sich durch ihre Gegenstand definiert: Gender. Das Gemeinsame ist aber nicht der Gegenstand Gender (dieser wurde so erst durch die Forschung konstituiert), sondern der zugrunde liegende politische Impetus, der sich bis heute gegen hierarchische Unterordnungs- und Unterdrückungsstrukturen richtet und nach den Möglichkeiten zu ihrer Überwindung sucht. ‚Gender’ stellte sich dabei als eine weitere scheinbar natürliche Begründungskonstante heraus. Dabei geht es der Gender-Forschung, die ein ‚Epiphänomen’ des Feminismus ist, immer auch um andere kulturelle Differenzierungsaspekte wie ‚Rasse’, Klasse usw., die zur Begründung benachteiligender Hierarchien benutzt wurden und werden.

Vielfalt, Heterogenität, Pluralität

Teils nebeneinander, teils nacheinander entstanden gemäß den politischen Strömungen der Frauenbewegung/en sehr unterschiedliche Richtungen feministischer Wissenschaft, die sich zuerst sehr wenig um wissenschaftliche Disziplin-Grenzen kümmerten; sie sind kaum übergreifend zu charakterisieren. Es gab dabei von Anfang an auch liberal-feministische empirische Ansätze (z.B. in der experimentellen amerikanischen Psychologie), die sich der in der jeweiligen Disziplin gängigen Methoden und Denkweisen bedienten, um „Frauenthemen“ bzw. Geschlechterdifferenzen zum Forschungs-Gegenstand zu machen. Und es gab und gibt z.T. starke sozialistisch-feministische und kulturell-feministische („autonome“, „radikale“) Strömungen usw.

Die anfängliche pauschale Thematisierung von Differenz zwischen Frauen und Männern war von der Thematisierung der Differenzen innerhalb der „Gruppen“ der Frauen und Männer gefolgt. Sozialwissenschaftlich ging es dabei um soziale Ungleichheit, um Benachteiligung und Privilegierung, um materielle und symbolische Strukturen.

Schwarze (amerikanische) Frauen (s. den Band von Collins) und postkoloniale Kritikerinnen (Spivak) kritisier(t)en die Beschränkung feministischen Denkens auf die Perspektive weißer euroamerikanischer Frauen der Mittelschichten und brachten neue Perspektiven ein, die lange (und auch heute oft noch) lediglich als Lippenbekenntnis zu race, class, ethnicity aufgenommen wurden. Diese Stimmen „vom Rand“ melden sich zunehmend im Diskurs (z.B. Narayan/Harding 2000). Sie werden aber noch wenig gehört und noch weniger werden Konsequenzen daraus gezogen.

Die Pluralität des Denkens wurde durch Rekurs auf verschiedenste wissenschaftliche Ansätze vermehrt. Lange Zeit standen in der feministischen Literaturwissenschaft, aber auch in der Wissenschaftstheorie psychoanalytische Theorien und ihre Abkömmlinge hoch im Kurs, v.a. die der Lacan-Schülerinnen Irigaray, Cixous, Kristeva sowie Nancy Chodorov. Großen Einfluss erlangten poststrukturalistische Denkweisen, v.a. diskurstheoretische, die meist Foucaults Diskursanalyse aufgriffen (u.a. Butler); in der englischen Sozialpsychologie ging die Diskurstheorie eher von der Tradition der analytischen Sprachphilosophie aus (Zeitschrift Feminist Psychology, Erica Burman).

Auch die seit den 80er Jahren zögernd entstandene Männerforschung trägt zur Vielfalt bei, indem sie etwa an kulturell-materialistische Konzepte (wie Connells „hegemoniale Männlichkeit“) oder Bourdieus Habitus-Konzept anknüpft. Sie thematisiert das „erste“ Geschlecht, das bisher im Allgemein-Menschlichen verborgen blieb, und zeigt Probleme wie auch Veränderungen von Männlichkeiten auf.

Die sozialwissenschaftliche Re-Konstruktion der Geschlechterverhältnisse (in der BRD in den 80er Jahren besonders von Becker-Schmidt und Knapp im Gefolge der Kritischen Theorie der Gesellschaft vertreten) wurde radikalisiert zum Konstruktivismus auf interaktionistischer bzw. ethnomethodologischer Basis (Kessler/McKenna, West/Zimmerman, Goffman, Gildemeister/ Wetterer, Hirschauer u.a.) oder phänomenologischer Grundlage (Lindemann). Und, natürlich, die philosophische Radikalisierung: Butlers auf poststrukturalistischem Denken basierende Dekonstruktion von Geschlechtsidentität bzw. von „Frau“ als „das“ Subjekt des Feminismus, die oft als „Auflösung“ oder „Destruktion“ der Geschlechterdifferenz missverstanden wird. Das Hinterfragen der soziokulturellen Selbstverständlichkeit der Geschlechter-Dualität als „gemachte“ (doing gender oder Performativität) bringt eine weitere Ebene der Reflexivität in die Geschlechterforschung.

Die erkenntnistheoretische Position des radikalen Konstruktivismus bzw. der Dekonstruktion wird jedoch nicht von allen GeschlechterforscherInnen geteilt, etwa von Positionen der Kritischen Theorie her. Auch viele kritische Autorinnen aus den Naturwissenschaften wie Haraway, Schiebinger etc. unterschreiben keinen reduktionistischen Konstruktivismus; das hieße die Hegemonie der Geistes- und Sozialwissenschaften anerkennen. Sie denken aus der (nicht einheitlichen) Position eines kritischen Realismus, der auch außerdiskursive „Dinge“ wie Körper, Natur anerkennt (Krüger 2003).

Außerdem stehen Fragen nach der Restrukturierung von sozialer Ungleichheit weiterhin auf der wissenschaftlichen Agenda. Denn die Benachteiligungen nach Geschlecht sind auch heute längst nicht abgebaut, nicht in Europa und den USA, nicht in Japan, noch weniger in Indien und anderen Ländern: Im Zuge von sozialem Wandel durch Globalisierung werden vielmehr Ungleichheiten nach sozioökonomischem Status, Geschlecht, Land, ethnischer Zugehörigkeit umstrukturiert, z.T. verschärft, auf jeden Fall differenziert. Die Frage nach Konstruktionsmechanismen von Geschlecht kann ich nicht abtrennen von der Frage nach Konstruktionsmechanismen von sozialer Ungleichheit – auch wenn Wissenschaft dabei immer wieder Geschlecht mitkonstruiert, „reifiziert“. (Es ist schmerzlich, an StudentInnen zu erleben, wie das – auch von mir lange Zeit ausgeübte – Differenz-Denken der Frauenforschung sich zu pauschalen Männer-Frauen-Gegenüberstellungen verfestigt hat.) Wir werden den Widerspruch wohl auszuhalten und fruchtbar damit umzugehen lernen müssen.

In diesem Zusammenhang werden Fragen gestellt wie : Muss jede Unterscheidung ungleiche Bewertung, Hierarchie nach sich ziehen? Ist degendering, undoing gender überhaupt möglich? Kann es nicht nur um nicht-hierarchische Neukonstruktionen gehen?

Gibt es eine Alternative dazu, die Pluralität der Ansätze der Geschlechterforschung anzuerkennen, die sich historisch je nach Disziplin und in verschiedenen Ländern herausgebildet haben und sich – v.a. mit dem Einbezug nicht-„westlich“ – weißen Denkens – weiter vervielfachen werden? Wer will angesichts dieser Vielzahl von erkenntnistheoretischen Positionen, theoretischen Ansätzen und Fragerichtungen (postkoloniale u.a. „nichtwestliche“ habe ich mangels Wissen nicht ausgeführt) definieren, was der fortgeschrittenste Stand, die nicht mehr unterschreitbare Qualitäts-Messlatte von Geschlechterforschung sein soll?

Aber natürlich verstehen verschiedene Generationen von ForscherInnen in einem Feld dieses auf immer wieder neue Weise. Die jüngeren halten die neuesten Ansätze oft für die fruchtbarsten oder einzig diskutablen; sie benutzen neue Begriffe, die manchmal ganz Neues sichtbar machen, manchmal nur neue Wörter für Altbekanntes sind...

Trotzdem: Wissenschaft lebt von der Pluralität, ja der Heterogenität der Forschenden, der Positionen, der Fragen, der Ansätze und von der Kritik. Wenn etwa die Vielfalt der Forschungssubjekte praktisch weitgehend eingeschränkt ist auf weiße männliche Angehörige der Industrienationen, macht diese relative Homogenität der Forschenden es zwar leichter, Intersubjektivität als Kriterium für Objektivität oder die Anerkennung eines wissenschaftlichen Kanons zu erreichen. Aber es ist eine illusionäre intersubjektive Übereinstimmung, die vom tendenziellen Ausschluss der Heterogenität von Perspektiven (Interpretationen, Bewertungen usw.) lebt.

Desiderata

Weiterhin nötig: Erforschung der Ungleichheit der Lebensbedingungen (Berufschancen, Verdienst, aber auch die Benachteiligung von Vätern beim Sorgerecht) nach Geschlechts- und anderen Zuordnungen. Die Frage nach dem Wie der Herstellung von Differenz und Ungleichheit ist nicht nur auf Mikroebene, sondern auch in Bezug auf gesellschaftliche Institutionen und verschiedene Kulturen bis hin zu Auswirkungen von Globalisierung zu stellen.

Feministischer Blick auf Naturwissenschaften und feministischer Beitrag zur Konstruktion von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen: sozialkonstruktivistische Analyse der Wissenschaftsinstitutionen, der Entstehungs- und Verwertungsbedingungen auf Makroebene.

Der Anspruch ist, durch nicht-androzentrische Fragen, Werte, Herangehensweisen, Symbolisierungen andere, bisher nicht „gesehene“ Aspekte der „Realität“ von „Natur“ zum Vorschein zu bringen, d.h. neue Interpretationen und Sichtweisen.

Es geht darum, feministische Naturwissenschaft/skritik überhaupt mal in die Naturwissenschaften hinein zu bekommen! (s. Signs vol.28, 3, 2003)

Erneuerung bzw. Stärkung der Inter- und Transdiziplinarität – was ein mühsames Geschäft ist: Einarbeit in und/oder Austausch über die (evtl. gleichlautenden, aber sehr unterschiedlich gebrauchten) Begriffe und wenigstens Teile der Wissensbestände anderer Disziplinen. Aber Beispiele wie die Benutzung der Butlerschen Theoretisierung der Performativität in der Archäologie, um die Konstruktionen von gender, Sexualität oder symbolischem Kapital in alten mittelamerikanischen Kulturen sichtbar zu machen (Joyce 2001), zeigen, wie fruchtbar die Überschreitung von Disziplingrenzen sein kann.

(Dass die LMU auch an solcher innovativen Gender-Forschung beteiligt ist, hat die inter- und transdisziplinäre Tagung „Störfall Gender – Grenzdiskussionen in und zwischen den Wissenschaften“ im November 2002 gezeigt. Siehe den gleichnamigen Tagungsband, erschienen Juli 2003 beim Westdeutschen Verlag, Wiesbaden)

Selbstverständnis, nicht nur bescheidene wissenschaftliche Sonderdisziplin zu sein, sondern Anspruch auf Veränderung von Wissenschaft durch Kritik, durch neue Fragen und veränderte Vorgehensweisen. Dazu ist die Fortsetzung der Forschungen notwendig, die eine reflektierte wissenschaftliche Praxis erfordern und methodisch ermöglichen. Und dazu wäre es dann auch Sache der Psychologie, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Biologie usw., diese Herausforderung zur kritischen Selbstreflexion anzunehmen. Die Überschreitung des Ghettos der Gender Studien und Aufnahme in den jeweiligen Kanon verlangt aber noch viel Arbeit an der Ignoranz und Kenntnisverweigerung: Eine weitere Ebene des Gender Mainstreaming wäre vonnöten, die Curricula, Lehrbücher, die Herausgeber von renommierten Zeitschriften erreicht und v.a. diejenigen, die Qualifikationen kontrollieren und bei Berufungen bestimmen. Mit Kuhn wissen wir, dass wirklich neue Denkansätze erst dann eine Chance auf Wahrnehmung haben, wenn die Vertreter der ‚alten Weisheiten’ und Strukturen anfangen auszusterben.

Literatur

Barad, Karen (2003): Posthumanist performativity: Toward an understanding of how matter comes to matter. In: Signs, vol. 28 (3), S. 801-831

Gowaty, Patricia Adair (2003): Sexual natures: How Feminism changed Evolutionary Biology. In: Signs, vol. 28 (3), S. 901-921

Joyce, Rosemary (2001): Gender and power in prehispanic Mesoamerica. Austin

Krüger, Marlis (2001): Die modernen Naturwissenschaften – ein Arsenal vielfältiger Geschichten? In: Erkenntnisprojekt Feminismus. Hg. von Marlis Krüger & Bärbel Wallisch-Prinz. Bremen, S. 216-223

Nagl-Docekal, Herta (2001): Feministische Philosophie. Frankfurt

Narayan, Uma & Harding, Sandra (eds.) (2000): Decentering the center. Philosophy for a multicultural, postcolonial, and feminist world. Bloomington und Indiana

Schiebinger, Londa (2003): Introduction: Feminism inside the sciences. In: Signs, vol. 28 (3),

S. 859-866

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